Trauma, Spiritualität und Illusion, Buchbeitrag 2017



 

Kirsten Nazarkiewicz, Peter Bourquin (Hg.):
Trauma und Begegnung

Praxis der Systemaufstellung
1. Auflage 2017
280 Seiten mit 27 Abb. gebunden
ISBN 978-3-525-40512-3
Vandenhoeck & Ruprecht

Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen

Buchbeitrag Thomas Geßner: Trauma, Spiritualität und Illusion (Schlusskapitel des Jahrbuches)

Leseprobe

Im Folgenden spüre ich dem nach, was Trauma, Illusion und Spiritualität möglicherweise miteinander zu tun haben. Ich setze mich diesen drei Phänomenen so aus, wie sie mir in der Aufstellungsarbeit erscheinen. Mein Beitrag hat die Form einer psychologischen Kontemplation.

Zu Beginn benenne ich eine Unterscheidung: Trauma ist nicht das Ereignis selbst, etwa der Unfall, der psychische oder körperliche Übergriff, die Gewalttat, der Krieg oder die Naturkatastrophe. Trauma ist ein komplexer innerer Überlebensmechanismus, mit dessen Hilfe wir in der Lage waren, ein solches Ereignis zu überstehen und danach weiterzuleben. Das Ereignis selbst gehört nicht zu unserer Gegenwart, sondern zur Vergangenheit.

Vergangenheit hat die Eigenschaft, vorbei zu sein und nicht wiederzukehren. Trauma ist hingegen eine körperlich-seelische Tätigkeit, mit der wir eine als vernichtend erlebte Vergangenheit innerlich am Leben halten, um uns künftig vor ähnlichen Bedrohungen zu schützen. Trauma projiziert »Vergangenheit« und »Zukunft« als innere Bilder in unsere Gegenwart hinein, um besser vorbereitet zu sein. Es speist sich aus unserem Überlebenstrieb.

Möglicherweise stehen wir im Trauma dem zentralen Phänomen gegenüber, das uns über Millionen von Jahren hinweg an Seele und Leib zu Menschen werden ließ. Wenn es einen Motor gibt, der unsere Psyche antreibt, der sie also dazu anhält, immerfort Bilder zu produzieren, diese mit Körperempfindungen, Emotionen und Gedanken zu verbinden und die momentane Gegenwart nach Entsprechungen abzusuchen, dann ist es Trauma.

Wo Trauma ist, sind auch Ressourcen. »Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch«, hat Friedrich Hölderlin (1993, S. 186) in der Hymne »Patmos« 1803 geschrieben. »Das Rettende«, also die Ressourcen, sind uns bei einem Trauma tatsächlich zugewachsen, denn wir selbst leben ja noch. Um sie erschließen zu können, müssen wir begreifen, dass wir überlebt haben und dass die
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Gefahr von damals vorüber ist. Unsere Narben bezeugen dies. Das Begreifen betrifft den ganzen Körper, also das Somatische, das Emotionale und das Gedankliche. Die Seele hingegen weiß es schon, denn sie kommt aus dem Trauma (Giegerich, 1992).

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