Pandemie und Wahrheit

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Das Unfassbare

„Nah ist, und schwer zu fassen, der Gott.“, schrieb Friedrich Hölderlin in „Patmos“. Im Moment trifft dies auch auf das neuartige Coronavirus Covid-19 zu, wie auf alle Viren, bei nĂ€herem Hinsehen auch auf fast alles, was es sonst noch gibt.

„Nah und schwer zu fassen“: man kann TrĂ€gerin oder TrĂ€ger des Virus sein, es also in sich haben und, ohne es zu ahnen, Menschen in der NĂ€he mittels Millionen virenhaltiger Tröpfchen in der ausgeatmeten Luft den Tod bringen. Einfach, indem man die elementarste Lebensbewegung ĂŒberhaupt ausfĂŒhrt: Einatmen und Ausatmen. Man kann umgekehrt von jemandem, der einem zufĂ€llig in der Kaufhalle ĂŒber den Weg lĂ€uft, eben jene virushaltigen Tröpfchen aufschnappen, einatmen, und schon hat man „Corona“. Wenn man das Leben so richtig feiert, wie etwa beim Tanzen, Lachen und Herumtoben, vervielfachen sich die Ansteckungsmöglichkeiten.

Wenn man es einatmet, sich in die Augen reibt oder auf die Zunge bekommt, wird das Virus im besten Fall dem eigenen Immunsystem erliegen, bevor es Symptome hervorrufen kann. FĂŒr die allermeisten Betroffenen scheint es ungefĂ€hr so abzulaufen. Im schlechtesten Fall wird es einen umbringen, nein, eigentlich bringen einen die eigenen Abwehrreaktionen um, ob es nun ĂŒbermĂ€ĂŸige EntzĂŒndungen der Lunge und anderer Organe sind oder verklumpendes Blut, das sich plötzlich verhĂ€lt, als wĂ€ren die GefĂ€ĂŸe nicht in Ordnung.

„Nah ist, und schwer zu fassen, die Wahrheit.“ Ich wage es einmal, mich der feinen Gestalt eines Satzes von Hölderlin anzuschmiegen, um das aus meiner Sicht mĂ€chtigste Symptom dieser Pandemie sichtbar werden zu lassen: das Verschwinden der Wahrheit. „Wahrheit“ in einem zunĂ€chst ganz bescheidenen VerstĂ€ndnis, als Information ĂŒber Tatsachen, oder ganz simpel gesagt: „Es stimmt einfach.“ Seit dem Bekanntwerden der Covid-19-Pandemie kann man nichts mehr ĂŒber die Covid-19-Pandemie erfahren, denken oder aussprechen, das nicht sofort vom direkten Gegenteil mit augenscheinlich derselben Evidenz widerlegt wĂŒrde.

Es spielt keine Rolle, welches Feld man sich dafĂŒr anschaut, sei es die wissenschaftliche Fachdiskussion, die politische Entscheidungsfindung, die Statistik, die Wirtschaft, die magische Welt der Verschwörungstheorien, die Medien oder den Alltagsverstand, der alles Derartige am Paradigma der „normalen Grippe“ abarbeitet: ĂŒberall scheint das Faktische in einer Art Ungreifbarkeit zu verschwinden, je nĂ€her man ihm kommt, und je fester man zugreift. Zugespitzt in der Frage eines Freundes: „HĂ€tte man nicht getestet, hĂ€tten wir dann etwas bemerkt?“ Die Gegenfrage nickt schon: „Ja, aber die vielen Toten, in England, Italien, Spanien, Frankreich, New York?“ Es ist wie Seife im Hirn. Das „Reale“ an der RealitĂ€t wird zur Ansichtssache (in einem bestimmten Sinn war das tatsĂ€chlich schon immer so, aber dazu an anderer Stelle vielleicht mehr).

Wahrheit und Bewusstsein

Was kann „Wahrheit“ in Pandemiezeiten denn sein, oder vielleicht auch leisten, wenn sie so nah und doch schwer zu fassen ist wie ein Virus oder Gott selbst? Wie und wo findet man etwas, „das stimmt“?

Wahr ist, was wirkt. Es schafft unmittelbare RealitĂ€t. An dem, was gerade wirkt, kann jeder und jede ihr Wahres erkennen. Es bestimmt ihre RealitĂ€t. Wenn wir also etwas ĂŒber die Wahrheit eines Menschen erfahren wollen, mĂŒssen wir anschauen, in welcher RealitĂ€t er oder sie lebt. RealitĂ€ten können sich in kaum vorstellbarer Weise voneinander unterscheiden. Die „objektive RealitĂ€t“, welche man mir zu DDR-Zeiten im StaatsbĂŒrgerkundeunterricht nahebringen wollte, ist ein fantastisches und recht kindliches MĂ€rchen, mit dem sich die Welt wirksam vereinfachen ließ. Doch schon in ein und demselben Menschenleben geht man durch RealitĂ€ten, die sich zum Teil direkt widersprechen. Ein paar Beispiele:

FĂŒr das Ungeborene im Mutterleib gibt es keinerlei Unterscheidungen. Es lebt in Symbiose mit der Mutter, sie sind einander die RealitĂ€t. Alles was sie erlebt, erlebt es ebenfalls. Alles ist gleichermaßen wahr, schafft RealitĂ€t und wirkt, indem es in das werdende Kind hineinwĂ€chst und fortan zu ihm gehört. In diesem Stadium gibt es keinen Unterschied zwischen dem, was ist, und dem, was ich davon halte. Ich kann und will es auch nicht unterscheiden.

Falls die Mutter, also die Umgebung von der man ohne jegliche Alternativen abhĂ€ngig ist, sich plötzlich und stark verĂ€ndert, etwa krank wird, in einen Schock gerĂ€t oder in große Angst, nimmt das werdende Kind dies als ernste Bedrohung wahr und reagiert unmittelbar so, dass es am Leben bleiben kann. Es schrĂ€nkt seine Lebendigkeit ein, reduziert etwa Bewegungen und StoffwechseltĂ€tigkeit. „Ich schrĂ€nke meine Lebendigkeit ein, um bessere Überlebenschancen zu haben“ ist das Ă€lteste Überlebensmuster, das es gibt.

Im Moment, in Zeiten der Pandemie, scheint sich dieses Muster in einer nahezu weltweiten und zuweilen atemberaubenden Dimension zu ereignen: Bewegung und Austausch, die zentralen Merkmale unserer Lebendigkeit, sind, mit regionalen und nationalen Unterschieden, mehr oder weniger stark eingeschrĂ€nkt, um das Weiterleben zu sichern, besonders das Weiterleben von Menschen, die man zur Risikogruppe rechnet. FĂŒr ganze Gesellschaften ebenso wie fĂŒr Kinder im Mutterleib ist dies immer ein riskantes Verfahren: die SelbsteinschrĂ€nkung kann wiederum zur Gefahr werden und einen das Leben kosten, das man eigentlich schĂŒtzen wollte. Im FrĂŒhstadium unseres Bewusstseins (Symbiotisches Einheitsbewusstsein nach Nelles), in der frĂŒhesten Art und Weise des „In der Welt seins“ jedoch gibt es keine Alternativen dazu.

Nach der Geburt hĂ€ngt fĂŒr das Kind alles daran, von der Mutter wahrgenommen, genĂ€hrt und gehalten zu werden. Sonst muss es sterben, zumindest in der eigenen Wahrnehmung. In der RealitĂ€t des Kindes ist Wahrheit zuallererst mit dem verbunden, was ihm das eigene Geschlecht, die Eltern, die Familie, das Land, die soziale Schicht, eben die UmstĂ€nde, in denen es aufwĂ€chst, vorgeben. Da es auf Leben und Tod abhĂ€ngig ist von diesen Menschen und UmstĂ€nden, hat es seine Wahrheit bei ihnen. Denn sie sind es, die in seinem Leben wirken und RealitĂ€t schaffen. In seiner grundsĂ€tzlichen AbhĂ€ngigkeit braucht es vor allem eine sichere Wahrheit. Unsicherheit nimmt es schnell als Lebensgefahr wahr. Ein Kind strebt sichere, am besten absolute Wahrheiten an, um sich geborgen fĂŒhlen zu können.

Menschliche Gruppen leben hĂ€ufig in diesem kindliche Bewusstsein. In Zeiten gefĂŒhlter Bedrohung, ob die nun Krieg, Erdbeben, Finanzkrise oder Pandemie heißt, spielt dafĂŒr keine Rolle, wird „die Gruppe“ gefĂŒhlt wichtiger fĂŒr das Überleben als in entspannten Zeiten. Je grĂ¶ĂŸer die gefĂŒhlte Bedrohung, um so grĂ¶ĂŸer das gefĂŒhlte BedĂŒrfnis nach Sicherheit, also nach unverrĂŒckbarer, nicht zu bezweifelnder, absoluter Wahrheit. „Sagt uns, was wahr ist, und zwar mit Sicherheit, sonst bekommen wir Todesangst, und dann können wir fĂŒr nichts mehr garantieren.“ Sie fĂŒhlen sich nur sicher, wenn „Mutti“ oder „Vati“ – innerlich ĂŒbertragen auf FĂŒhrungsgestalten wie politische Entscheiderinnen, Wissenschaftler, Wirtschaftslenker, MeinungsfĂŒhrer im Internet oder auf der Straße – ihnen die Welt plausibel und Sicherheit vermittelnd erklĂ€ren und fĂŒr sie ordnen sollen. Genau so, wie sie sich das als Kind damals von ihren Eltern gewĂŒnscht hĂ€tten.

Menschliche Gruppen in diesem Stadium, seien es StĂ€mme, NationalitĂ€ten, Religionsgemeinschaften oder auch politische Gesinnungsgenossen, Fanclubs oder MusikgeschmĂ€cker schaffen sich unbewusst absolute Wahrheiten, auf die sie sich verlassen, denen sie vertrauen und an die sie „glauben“ können. Diese Wahrheiten reprĂ€sentieren dann die „gute Mutter“, den „guten Vater“, also innere Gestalten, die der kindlichen Seele die nötige Sicherheit geben können. Absolute Wahrheiten im Gruppenbewusstsein haben meistens die Gestalt eines Gottes, ausgeformt je nach dem aktuellen SicherheitsbedĂŒrfnis.

Sie werden hochgehalten, verteidigt, nach außen getragen – immer angetrieben von dem unbewussten ÜberlebensbedĂŒrfnis des Kindes nach Sicherheit. Wenn nun die Welt sich anders verhĂ€lt als die jeweilige absolute Wahrheit es gestattet, reagieren Menschen im Gruppenbewusstsein (nach Nelles) wie Kinder. Im kindlichen Bewusstsein reagiere ich als Erwachsener auf das Virus wie ich es als bedrohtes und verunsichertes Kind damals getan habe. Ich will, dass es jemand wegmacht, oder mir sagt, dass es nicht so schlimm sei. Das kindliche Gruppenbewusstsein lĂ€sst Menschen immer verzweifelter nach jemandem suchen, der die Situation endlich löst, oder sie zumindest so erklĂ€rt, dass es nicht mehr so schlimm ist.

Wer in Pandemiezeiten aus einer ganz konkreten FĂŒhrungsverantwortung heraus das kindliche SicherheitsbedĂŒrfnis der Gruppe nicht erfĂŒllen kann, weil die RealitĂ€t eben gerade nicht sicher ist, von dem fĂŒhlt sie sich „verarscht“. Das ist ein kindliches, genauer gesagt ein Opfer-GefĂŒhl (beides ist psychologisch dasselbe). Es verlangt nach nach einer in sich konsistenten, vorhersehbaren und sicheren Welt. Wenn die nicht kommt, zieht man sich zurĂŒck und glaubt schließlich „gar nichts mehr“. Kinder können nicht anders, sie gehen bei inkonsistenten Eltern in die innere Emigration. Im Falle einer Pandemie kann es sich fĂŒr Erwachsene wie damals anfĂŒhlen. Dann wirkt die frĂŒhere kindliche Wahrheit, dass man sich auf nichts wirklich verlassen kann. Das Ergebnis ist in der psychologischen Wirkung, also in der inneren Welt, dasselbe: wiederum die innere Emigration.

Die Pandemie zieht wie jede große Krise die Decke weg von allem, das schon lĂ€nger darauf wartet, ans Licht zu kommen. Das bedeutet: wie Menschen auf die Pandemie reagieren, hat sehr viel damit zu tun, wie sie als Ungeborene und dann als Kinder mit Bedrohungen umgegangen sind und worauf sie noch immer zurĂŒckgreifen, wenn sich die Umgebung heute Ă€hnlich bedrohlich anfĂŒhlt. Wir haben erst dann andere Möglichkeiten als die kindlichen, wenn wir begreifen, dass wir keine Kinder mehr sind. Mir scheint, die Pandemie zwingt viele Menschen dazu, schneller als sonst innerlich erwachsen zu werden, um ĂŒberhaupt mit ihr zurecht zu kommen.

Bevor das jedoch eintreten kann, geht es mit der Wahrheit noch etwas weiter weg von der RealitÀt, oder anders gesagt, von dem, was in einer Pandemie der Fall ist.

Wahrheit und das Virtuelle

Wir alle sind Nachkommen von Pandemie-Überlebenden. Wenn unsere frĂŒhen Vorfahren nicht die Zeiten der Pest, der Cholera oder spĂ€ter der Spanischen Grippe ĂŒberlebt hĂ€tten, wĂŒrde es uns nicht geben. Überlebende geben das, was sie hat ĂŒberleben lassen, an ihre Nachkommen weiter, nicht etwa mit Vorsatz, sondern einfach, weil sie als Überlebende diejenigen sind, die sich weiter fortpflanzen können. Dies ist das Prinzip der Evolution. Es gilt nicht nur fĂŒr unsere Ă€ußere, körperliche Beschaffenheit, sondern auch fĂŒr ihren inneren Spiegel, unsere Psyche.

Sie vollzieht in jeder gefĂŒhlten Bedrohung die gleiche Bewegung wie unser Körper: UnterdrĂŒckung der eigenen Lebendigkeit zum Zwecke besserer Überlebenschancen. Bei mir selbst wie bei den meisten Menschen, mit denen ich zur Zeit spreche, scheint dieser psychische Grundvorgang im Moment sehr aktiv zu sein. Er verbraucht viel Energie im Hintergrund, also im Unbewussten. Die allgemeine Verlangsamung, MĂŒdigkeit und teilweise Erschöpfung bringe ich vor allem damit in Verbindung. FĂŒr die Psyche bedeutet Wahrheit im Moment: „ich bin möglicherweise in tödlicher Gefahr.“

Vor diesem Hintergrund agiert die Wissenschaft. Seit Monaten wenden international ausgewiesene Fachleute fĂŒr Viren, Epidemien und den Schutz vor denselben seit Monaten ihren trainierten Geist, ihre Expertise und gewaltige materielle Ressourcen der Erforschung und BekĂ€mpfung des neuartigen Coronavirus zu. Sie legen Ergebnisse vor, immer neue, was sich aus dem nur schrittweise möglichen Erkenntnisfortschritt ergibt. Manchmal entsprechen sich die Ergebnisse verschiedener BemĂŒhungen, manchmal widersprechen sie sich. Genau deshalb heißt dieser Prozess ja „Forschung“ und nicht „Gesetzgebung“.

Im kindlichen Geist erzeugen widersprĂŒchliche Wahrheiten das GefĂŒhl von Unsicherheit und Bedrohung, als ob die Mutter, von der das Leben abhĂ€ngt, z.B. etwas Wohlwollendes sagt und dabei das komplette Gegenteil ausstrahlt. Im jugendlichen oder auch pubertĂ€ren Geist erzeugen WidersprĂŒche einen Kampf. Der jugendliche Geist will und muss Unsicherheit und Bedrohung endlich ausmerzen, um des eigenen Überlebens willen. Er muss heraus aus den gewohnten kindlichen VerhĂ€ltnissen und sich (und damit das innere Kind) in Zukunft möglichst umfassend vor derartigen Bedrohungen schĂŒtzen, um selbstbestimmt in der eigenen RealitĂ€t leben zu können. Vorgegebene RealitĂ€ten hasst der jugendliche Geist wie der Teufel das Weihwasser.

Der jugendliche Geist strukturiert und begrenzt das moderne Bewusstsein in der westlichen Welt. Wenn man ihm mit Fakten kommt, die sein Bild der Welt, der Anderen und seiner selbst in Frage stellen, geht er in den Überlebensmodus: er verteidigt sein inneres Bild der RealitĂ€t als „die Wahrheit“. Und er will „die Wahrheit“ seinem inneren Bild unterordnen, unbedingt, jetzt und fĂŒr alle Zeit. Dazu erforscht er die Welt. Das Verstehen wollen ist die prominenteste Kontrollbewegung, die das moderne Bewusstsein zur VerfĂŒgung hat. Gleichzeitig fĂŒhrt es in die totale Sackgasse.

Am deutlichsten sehe ich es im Internet. Das Internet gibt es erst seit ein paar Jahrzehnten, es ist entwicklungsgeschichtlich sozusagen brandneu. Es wirkt auf mich wie wie die gedankliche Innenwelt eines Wesens mit millionenfach multipler Persönlichkeit: alles passiert gleichzeitig. Alles ist gleich wichtig. Jedoch hören wir immer zunĂ€chst die Stimmen, welche eine gefĂŒhlte Bedrohung signalisieren, da sich unsere Aufmerksamkeit unbewusst zu jeder Zeit auf die fĂŒr das Überleben wichtigsten Nachrichten ausrichtet. Auf diesem Prinzip beruht die Welt der Unterhaltung, der Medien und natĂŒrlich der Werbung.

Nun, im Internet ist alles virtuell, also nicht „wirklich“ im Sinne physischer RealitĂ€t. Das Internet transportiert nichts anderes als digitalisierte Abbilder unzĂ€hliger physischer RealitĂ€ten, und zwar immer alle gleichzeitig. Es entspricht darin unserem modernen Bewusstsein, dem Bewusstsein vom Ich. Das Ich-Bewusstsein lebt in seinen Abbildern von der Welt. Seine eigene Vorstellung von der Welt hĂ€lt es fĂŒr wirklicher als die Welt selber. Das innere Bild von der Welt, den Anderen und dem eigenen Leben hat in derselben lebensentscheidenden Weise „die Wahrheit“, wie es das Verhalten der Eltern fĂŒr das Kind hatte oder der Mutterleib fĂŒr das Ungeborene. Das bedeutet in der Konsequenz: fĂŒr das Ich-Bewusstsein gibt es keine Fakten, obwohl und gerade weil es mit Hilfe der Wissenschaft immerfort danach sucht.

ZurĂŒck zu unserem Beispiel von Wissenschaft in Zeiten der Pandemie. Es zeigt sich: unabhĂ€ngig davon, was die forschenden Einzelpersonen, Teams oder Unternehmen konkret herausfinden und umsetzen, werden sie keine allgemeine Wahrheit ĂŒber „das Virus“ herstellen können. Diese Wahrheit hĂ€tte den Status eines Faktums, also von etwas, das unabhĂ€ngig von der eigenen Wahrnehmung, Befindlichkeit und Weltsicht gegeben ist und wirkt, das also RealitĂ€t herstellt. Solch ein Faktum an sich ist aber der Todfeind des modernen Bewusstseins, denn es macht die Herrschaft des eigenen Weltbildes so obsolet wie eine Betonwand, vor die man immer wieder lĂ€uft. Sie ist stĂ€rker, wirkmĂ€chtiger und damit „wahrer“ als die eigene Vorstellung von den Dingen, und das darf nicht sein, denn es schafft eine gefĂŒhlt lebensgefĂ€hrliche Bedrohung.

Das Ich-Bewusstsein und die unmittelbare Wahrheit von Fakten schließen sich aus. Mit seinem unstillbaren Drang, die Welt zu erklĂ€ren, versucht es, die Fakten des Daseins in innere Bilder, etwa in konsistente ErklĂ€rungen a lĂĄ Naturgesetzen zu verwandeln, weil es sich damit sicherer fĂŒhlt als im unmittelbar nackten Kontakt zu dem, was ist. Je mehr sich das Ich-Bewusstsein in der Welt etabliert, um so weniger werden wir uns untereinander ĂŒber gemeinsam anerkannte Fakten und ĂŒber ihre Wahrheit verstĂ€ndigen können. Mein Freund und Kollege Coen Aalders (Utrecht, NL) hat dies in einem bemerkenswerten Artikel ĂŒber das Zeitalter der Fake-News dargestellt.

Es gibt nach meinem Eindruck im Moment keinen Ausweg aus dieser Situation. Es gibt nur verschiedene Formen, damit umzugehen, etwa: das politische Handeln, welches einer bestimmten wissenschaftlichen Wahrnehmung folgt und KontakteinschrĂ€nkungen vorordnet. Dann den Protest gegen diese Maßnahmen. Dann die Verlagerung der eigenen Unsicherheit nach außen in Form der Beschuldigung, Herabsetzung oder auch DĂ€monisierung anderer Menschen, Gruppen oder auch gleich ganzer Staaten.

Der Schlachtruf dieser Verlagerung heißt „Meinungsfreiheit“. Er wird hĂ€ufig mit derselben erbitterten Unbedingtheit eingesetzt wie das Schwert oder die Maschinenpistole in der Endphase kriegerischer Auseinandersetzungen. Ich sehe dabei, wie sich das jugendliche Ich-Bewusstsein in Lebensgefahr vorfindet, und zwar nicht durch das Vorhandensein eines Virus und einer daraus folgenden Pandemie, sondern durch die Unausweichlichkeit dieser Erscheinungen.

Das prominenteste Opfer einer Pandemie in Zeiten des modernen Bewusstseins ist die Wahrheit. Und zwar nicht, weil niemand sie hören will, sondern weil alle danach suchen. Je mehr sie verfolgt wird, um so ungreifbarer wird sie. Je unerbittlicher sie verteidigt wird, um so unausweichlicher verschwindet sie. Einen klareren Spiegel dessen, wie das moderne Bewusstsein funktioniert, habe ich noch nie gesehen.

Es gibt dabei auch nichts zu tun, „es gibt keinen Ausweg, außer dem, den du mit deinen Augen nicht sehen kannst,“ hat Bob Dylan einmal gesagt („There’s no exit in any direction except the one you can’t see with your eyes“). Wenn wir etwas Wahrem begegnen wollen, also etwas, das unmittelbar wirkt und „einfach stimmt“, dann mĂŒssen wir uns dem, wie das moderne Bewusstsein in dieser Pandemie agiert, voll aussetzen, ohne uns zu wehren. Wir stoßen dabei auf die einzige Wahrheit, die wirkt: unsere eigene. Nur meine eigene Wahrheit stellt meine RealitĂ€t fĂŒr mich her. Andere Wahrheiten tun dies fĂŒr andere, nicht unbedingt jedoch fĂŒr mich. Eine gemeinsame Wahrheit beschrĂ€nkt sich darauf, dass wir offensichtlich da sind. Mehr lĂ€sst sich nicht sagen. Mehr ist jedoch auch nicht nötig, um leben zu können, auch nicht in Zeiten der Pandemie.

Was wirkt

Ich sehe, wie die sich aus der Pandemie entwickelnde Krise nahezu alle Menschen in der bekannten Welt ohne das geringste Erbarmen ins Mark der gewohnten Lebensweise trifft. In bisher unbekannter Weise zwingt sie uns alle durch die verschiedenen staatlichen Schutzreaktionen zu Dingen, die wir freiwillig vielleicht nie tun wĂŒrden: zu unseren Liebsten Abstand zu halten, auch wenn diese krank sind oder im Sterben liegen, als Kind bei herrlichstem Wetter wochenlang im Zimmer hocken zu bleiben, als Familie sich gegenseitig ohne Ablenkungsmöglichkeiten auf der Pelle zu hocken, als Unternehmer das eigene GeschĂ€ft und damit die wirtschaftliche Existenzgrundlage den Bach herunter gehen zu lassen, als Angestellte in Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit zu gehen oder sich in „systemrelevanten Berufen“ kaputt zu arbeiten, als BĂŒrger auf ehemals hart erkĂ€mpfte Freiheitsrechte zu verzichten, alle miteinander mit Hilfe der verschiedensten Masken wie bekloppte BankrĂ€uber auszusehen, im direkten medizinischen Kontakt mit Covid-19-Erkrankten ĂŒber alle eigenen Grenzen zu gehen, als politisch Verantwortliche die Grundstrukturen unserer Ă€ußeren Welt in atemberaubender Geschwindigkeit und RadikalitĂ€t lahm zu legen, als davon unmittelbar Betroffene die eigene Community in Gestalt des Staates wild zu bekĂ€mpfen oder eben diesem Staat ĂŒber alles zu vertrauen. Im Grunde liefert die Pandemie jede und jeden sich selber aus. Das ist oft sehr ungewohnt und manchmal kaum zu ertragen.

Ich sehe, wie die Pandemie uns alle an einen bestimmten Platz stellt und andere, uns bisher vielleicht zugĂ€ngliche PlĂ€tze, versperrt. Wie eine Wand, die unvermittelt da steht, wo man bisher entlang gehen konnte. In dem gleichnamigen Film „Die Wand“ gibt es plötzlich mitten in der Landschaft eine unsichtbare und unĂŒberwindliche Barriere. Sie verĂ€ndert alles unwiderruflich.  Jeder Platz, an den uns die Pandemie, genauer: die damit verbundene Krise, stellt, hat seine eigene Wahrheit. Sie ist eben das, was dieser Platz bewirkt. Mein Platz zum Beispiel hat seine Wahrheit in der relativen Tatenlosigkeit. Meine gewohnte Arbeit, die therapeutische und ausbildende TĂ€tigkeit mit unterschiedlich großen Gruppen von Menschen, ist mir gerade verwehrt. Ich bekam Angst, hatte schlaflose NĂ€chte, ging buchstĂ€blich die WĂ€nde hoch. Es fĂŒhlte sich an wie eine unbestimmte und doch akute Lebensgefahr, bis es irgendwann still wurde. Genauer: bis ich irgendwann in mir selbst die Stille zuließ.

Dann, erst dann, begann die erzwungene UntĂ€tigkeit ihre Ressourcen zu öffnen und zu wirken. Sie wirkt, und das heißt, sie wird wahr, im Sinne von: jetzt stimmt es fĂŒr mich. Ich bin auf eine neue Weise frei und lebendig, obwohl oder gerade weil ich nicht das tun kann, was ich sonst tue. Dieser Vorgang wiederholt sich mit graduellen Unterschieden, aber die LĂ€hmung und die darin lauernde Panik sind verflogen.

Jemand hat einmal gesagt: „Die Wahrheit wird euch freimachen.“ Jesus war das, ein Mensch der Antike. Ich glaube, er wusste, wovon er sprach. Als Mensch des modernen Bewusstseins von heute verstehe ich: Die einzige Wahrheit, die ein Mensch zur VerfĂŒgung hat, ist die seines Bewusstseins. Immer wenn du dich ihr ergibst, wirst du frei. Dein „Platz“, den dir die Krise zuweist, ist letztendlich dein momentanes Bewusstsein, das „Wie“ Deines inneren Lebens. Es bestimmt, was du erlebst, was du fĂŒhlst, was du tun kannst und was nicht.

Ich sehe, dass auch die Wahrheit einer Pandemie oder weltweiten Krise nichts Statisches oder Absolutes hat. Sie bewegt und verĂ€ndert sich von Moment zu Moment. Das kann einen wahnsinnig machen, solange man dies so wenig von sich trennen kann wie etwa in der vorgeburtlichen Symbiose, solange man jede VerĂ€nderung dieser Wahrheit unmittelbar auf sich selbst bezieht, wie Kinder es tun, und solange man jeder Bewegung der Wahrheit kritisch forschend und ergrĂŒndend gegenĂŒber steht, mit dem eigenen Weltbild als Maßstab, wie es die Jugend tut.

Erwachsene leben anders. Auch fĂŒr sie verĂ€ndert die Wahrheit sich stĂ€ndig. Sie haben erlebt, dass die einzige Sicherheit, die es in dieser Welt gibt, die unfassbare Stille in ihrem eigenen Inneren ist, und zwar von Moment zu Moment. Der Maßstab fĂŒr „ich bin bedroht“ oder „ich bin gerade sicher“ liegt nicht mehr so sehr in Ă€ußeren Ereignissen und ihrer Bewertung durch mein Weltbild. Er liegt mehr innen, dort, wo es keine Werte, keine MaßstĂ€be und keine Konzepte gibt, nur Stille. Dort pulsiert das Leben, das uns gegeben ist, völlig unabhĂ€ngig von dem, was draußen passiert.

Erwachsene lernen, die kostbare Energie ihrer Aufmerksamkeit immer wieder von dem Äußeren, Bedrohlichen, Belastenden und Nervigen nach innen zu lenken, wo es still ist, und wo alles so sein darf, wie es erscheint. Wo man seine Energie hinlenkt, das gewinnt an Kraft. Man kann den Panikmodus mit Energie fĂŒttern oder aber die innere Stille. Wir haben diese Wahl, sie gelingt nicht immer, aber immer wieder. Mit der Aufmerksamkeit auf der Stille wird diese wirksam, wird also zu meiner Wahrheit. Sie wird sichtbar, in dem wie ich handle, fĂŒhle und denke.

Die Pandemie tötet jede Wahrheit, sofern man sie im Außen sucht. Sie gewinnt dabei immer, solange man Tatsachen, Meinungen und Strategien im Kampf um die Wahrheit gegeneinander antreten lĂ€sst. „Tatsachen, Meinungen und Strategien“ vertreten immer nur innere Bilder und unbewusste Rettungsmuster. Die Pandemie bringt Wahrheit ins Leben, sofern man sich selbst erlaubt, mit dem zu sein, wo die Krise einen gerade hinstellt, innerlich wie Ă€ußerlich.

Man wird dabei erleben, wie der innere Jugendliche auf die Barrikaden geht und „Verrat“ schreit. Man wird erleben, wie das innere Kind sich verstört in eine dunkle Ecke verdrĂŒckt, weil „alles auf einmal so komisch ist.“ Man wird vielleicht auch erleben, wie das Ungeborene, das man einmal war, den Eindruck gewinnt, sein kurzes Leben gehe nun zu Ende, und sich innerlich schon darauf einstellt. All dies ist völlig ok., es ist sogar unumgĂ€nglich. Das einzig Wahre daran ist die eigene, lebendige Aufmerksamkeit, die all dies wahrnimmt und geschehen lĂ€sst. Sie allein macht uns handlungsfĂ€hig, so wie es der Moment gerade verlangt. Sie ist das, was wirkt.

18 Kommentare

  1. Felix

    So aufbauend und erhellend, danke, Thomas!

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  2. Gyani, W. Quast

    Sehr gut dargestellt! Brilliant!

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  3. Helmut VenebrĂŒgge

    Sehr gut, danke dafĂŒr

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  4. Stefanie Guth

    Vielen Dank, Herr Gessner, fĂŒr diesen inspirierenden Beitrag! Ich schĂ€tze Ihre BĂŒcher und Ihre Art komplexe Sichtweisen darzustellen, sehr!

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  5. Frederik

    Danke, dieser Beitrag hilft mir, tiefer zu verstehen. Es ist sehr wohltuend in Worte gefasst zu finden, was ich selbst schon lange vage und unbestimmt empfinde…

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  6. Dr. Wilfried Nelles

    Das ist der mit Abstand klĂŒgste und tiefsinnigste Artikel, den ich bisher ĂŒber die Corona-Pandemie gelesen habe, und ich habe viele Artikel von unseren angeblich besten Philosophen, Denkern und Wissenschaftlern gelesen. Der psychologische Hintergrund der jeweiligen Reaktionen auf die Pandemie wird wie mit einem Skalpell herausgearbeitet und klar und ohne besserwisserischen Eifer benannt.
    Dr. Wilfried Nelles

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  7. Joachim Alke

    Lieber Thomas,
    ich danke Dir fĂŒr diese Worte, die ich sicher nochmal lesen muss, um sie ganz zu erfassen. Ich bin dankbar, Dich getroffen zu haben! Und freue mich aufs nĂ€chste Mal.
    Den LIP anzuwenden auf das Verhalten der Menschen in der Pandemie – die einzelnen Stufen agieren zu sehen – sehr berĂŒhrend und nur nachvollziehbar.
    Danke
    Joachim

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  8. Ingrid

    Dieser Artikel ist eine gute Tat. Sie wirkt und wirkt und wirkt….

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