Trauma, Illusion und Spiritualität 1

Blog, Lebensintegration

Essay, zuerst veröffentlicht in „Trauma und Bewegung“, Jahrbuch der DGfS, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2017.    – Teil 1 –

 

Vorbemerkung

Im Folgenden spüre ich dem nach, was Trauma, Illusion und Spiritualität miteinander zu tun haben. Ich setze mich diesen drei Phänomenen so aus, wie sie mir in der Aufstellungsarbeit erscheinen. Mein Beitrag hat die Form einer psychologischen Kontemplation.

Zu Beginn benenne ich eine Unterscheidung: Trauma ist nicht das Ereignis selbst, etwa der Unfall, der psychische oder körperliche Übergriff, die Gewalttat, der Krieg oder die Naturkatastrophe. Trauma ist ein komplexer innerer Überlebensmechanismus, mit dessen Hilfe wir in der Lage waren, ein solches Ereignis zu überstehen und danach weiterzuleben. Das Ereignis selbst gehört nicht zu unserer Gegenwart, sondern zur Vergangenheit.

Vergangenheit hat die Eigenschaft, vorbei zu sein und nicht wiederzukehren. Trauma ist hingegen eine körperlich-seelische Tätigkeit, mit der wir eine als vernichtend erlebte Vergangenheit innerlich am Leben halten, um uns künftig vor ähnlichen Bedrohungen zu schützen. Trauma projiziert „Vergangenheit“ und „Zukunft“ als innere Bilder in unsere Gegenwart hinein, um besser vorbereitet zu sein. Es speist sich aus unserem Überlebenstrieb.

Möglicherweise stehen wir im Trauma dem zentralen Phänomen gegenüber, das uns über Millionen von Jahren hinweg an Seele und Leib zu Menschen werden ließ. Wenn es einen Motor gibt, der unsere Psyche antreibt, der sie also dazu anhält, immerfort Bilder zu produzieren, diese mit Körperempfindungen, Emotionen und Gedanken zu verbinden und die momentane Gegenwart nach Entsprechungen abzusuchen, dann ist es Trauma.

Wo Trauma ist, sind auch Ressourcen. „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, hat Friedrich Hölderlin (1993, S. 186) in der Hymne „Patmos“ 1803 geschrieben. „Das Rettende“, also die Ressourcen, sind uns bei einem Trauma tatsächlich zugewachsen, denn wir selbst leben ja noch. Um sie erschließen zu können, müssen wir begreifen, dass wir überlebt haben und dass die Gefahr von damals vorüber ist. Unsere Narben bezeugen dies. Das Begreifen betrifft den ganzen Körper, also das Somatische, das Emotionale und das Gedankliche. Die Seele hingegen weiß es schon, denn sie kommt aus dem Trauma (Giegerich, 1992).

 

„Trauma“, körperlich und seelisch

Was ist Trauma nun wirklich? (Es ist nicht „wirklich“, dazu weiter unten mehr). Trauma ist eine spezifisch menschliche Aktivität. Es hält mit Hilfe einer inneren Bilderlandschaft eine Bedrohung aufrecht, die man subjektiv als überwältigend und handlungsunfähig machend erlebt hatte. Heutige Situationen, die sich so ähnlich anfühlen, lösen den in der damaligen Bedrohung erfolgreichen Überlebensmechanismus von neuem aus. Sie „triggern“ uns.

Unser Körper hält das Bild der Bedrohung lebendig, um seine Überlebenschancen zu verbessern, und zwar mittels all seiner Fähigkeiten. Dazu gehören die Erinnerung unseres Fleisches, unserer Organe, Gliedmaßen und Zellen, wie Peter A. Levine (2012) sie in unserer Grundausstattung als Säugetier gefunden hat. Des Weiteren gehören dazu die emotionale Erinnerung, also das emotionale Bild (Emotionen sind eine Körperfunktion) und die rationale Abstraktion, also das gedankliche Bild (auch das Denken ist eine Körperfunktion). Alle drei Bereiche sind in permanenter Resonanz miteinander verbunden.

Trauma ist etwas Körperliches. Es betrifft den Körper, findet im Körper statt und basiert auf den Fähigkeiten unseres Körpers. Die Ausdrucksmittel von Trauma, also seine Symptome, betreffen, durchdringen und gestalten in ihrer Vielfalt das ganze menschliche Leben, von der Art mit uns selbst umzugehen über unsere Beziehungen bis hin zu den großen kollektiven Phänomenen wie wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklungen. Krieg und Frieden erscheinen in dieser Perspektive als kollektive Symptome von Trauma und Trauma-Entspannung.

Wenn ein subjektiv als vernichtend eingestuftes Erleben unseren Körper überrollt, etwa weil es zu schnell, zu massiv oder zu schmerzhaft ist, dann schaltet er ein Notfallprogramm ein. Dieses Programm ist im „Reptilienhirn“ (Levine, 2012) gespeichert, dem entwicklungsgeschichtlich frühesten und rohesten Teil unseres zentralen Nervensystems (ZNS), es ist schneller als unser Denken und Fühlen, es ist konsequent und nicht bewusst steuerbar. Im Moment der Überwältigung, wenn also subjektiv weder Kampf noch Flucht möglich sind und man sich als ausgeliefert und handlungsunfähig erlebt, nutzt der Körper genau diese Ohnmacht und die mit ihr verbundene Panik für sein ältestes Überlebensprogramm: die Bewusstlosigkeit bzw. Erstarrung. Dabei nimmt er alles, was mit der überwältigenden Situation zusammenhängt und ihm unerträglich erscheint, und lässt es in sich hinein kollabieren. Was und wie viel er dabei mitnimmt, hängt von der erlebten Energie des Ereignisses und von der eigenen subjektiven Abhängigkeitslage, dem eigenen Bewusstsein, ab.

Oft fallen das körperliche Spüren, Fühlen und Denken sozusagen mit in den Kollaps hinein: die unmittelbaren Sinneswahrnehmungen, die mit dem Ereignis verbundenen Emotionen (das Fühlen als „Mitschwingen über eine Entfernung“) sowie das Denken als rational-abstrakte Weiterentwicklung des Fühlens (das „Mitschwingen im rationalen Modell“). Dies betrifft auch jene Vergangenheitskonstruktion, die wir Erinnerung nennen. Manche Ereignisse wirken so vollständig aus unserem Gedächtnis gelöscht, als hätten sie nie stattgefunden. Sie verschwinden jedoch nicht. Dem unbewussten Körpergedächtnis geht nichts verloren. Das Trauma schützt unsere bewusste Wahrnehmung vor ihnen, damit wir weiterleben können.

Trauma findet jedoch nicht nur in und mittels unseres Körpers statt. Es hat eine spiegelverkehrte Entsprechung in unserer Seele. Interessanterweise bringt mich gerade die Aufstellungsarbeit mit menschlichen Körpern dazu, das Seelische und das Körperliche als Spiegel füreinander zu sehen, ohne beide voneinander zu trennen. „Seele“ ist die „Innenseite des Lebens“ (Nelles, 2016), eine Art seitenverkehrter Spiegel all dessen, mit und in dem wir sind (Giegerich, 2010). Wolfgang Giegerich denkt Seele in einem streng psychologischen Sinne als eine Art logisches Negativ unserer wahrnehmbaren Existenz. Sie „ist“ all das von uns, was nicht da ist, so dass wir es nicht unmittelbar wahrnehmen, nicht genau wissen und sprachlich nicht direkt fassen können. Sie enthält und spiegelt unser individuelles und kollektives Leben (Giegerich, 1992, 2010). Ohne diese Fähigkeit, ohne das daraus entstehende Bewusstsein von „ich bin“ gibt es kein Trauma.

Natürliche Tiere in freier Wildbahn entledigen sich der in ohnmächtiger Erstarrung gebundenen Überlebensenergie, indem sie einige Zeit danach zu zittern beginnen, umherspringen usw. (Levine, 2012). Tiere können fühlen. Sie haben Emotionen wie Angst und Lust, Freude und Wut. Tiere können sich erinnern, viele Arten sogar planvoll handeln. Es ist ungewiss, inwiefern sie ein Selbst-Bewusstsein im Sinne der Wahrnehmung eines „ich bin“ haben, also einen bewusst wahrgenommenen inneren Spiegel. Erst ein solches Selbst-Bewusstsein wäre in der Lage, die überstandene Bedrohung in inneren Bildern festzuhalten, diese inneren Bilder der nunmehr sicheren Realität vorzuziehen und auf diese Weise „Trauma“ zu erzeugen. Wildtiere tun offenbar genau das Gegenteil: Ist die unmittelbare Bedrohung vorüber, entspannt sich ihr Körper von selbst. Danach leben sie weiter wie bisher.

Für Trauma hingegen braucht man Bewusstsein in der eben beschriebenen Weise. Menschen haben ein solches Bewusstsein. Eigentlich sind wir Bewusstsein, das begonnen hat, zu sich selbst zu kommen. Trauma ist beides gleichzeitig: ein Erzeugnis des menschlichen Bewusstseins und der Motor seiner Bewegung zu sich selbst. Es repräsentiert darin den evolutionären Überlebensvorteil des Menschseins.

In seinen ersten von der Umgebung abhängigen Stufen kann unser Bewusstsein nicht sehen, dass wir die Bedrohung überstanden haben (Nelles u. Geßner, 2014). Es hält sie daher vorsorglich im Körper fest, und damit auch in der Psyche und im Denken. Die Seele hingegen weiß es wohl. Wenn uns ein subjektiv als vernichtend eingestuftes Erleben überrollt, weil es zu schnell, zu groß oder zu schmerzhaft ist, konfrontiert sich die Seele mit dem, woraus sie sich über Millionen Jahre des gemeinschaftlichen Jagens und kultischen Tötens erschaffen oder erbaut hat: mit dem Töten, mit der dabei entstehenden Distanz zu sich selbst, mit dem erschauernden Bewusstsein von tödlicher Gefahr, mit dem dabei entstehenden Sinn für ein „ich bin“. Wolfgang Giegerichs (1992) diesbezügliche Ausführungen mögen zunächst fremd klingen. Sie helfen mir jedoch, Trauma tiefer zu begreifen.

Im Unterschied zum Körper wendet die Seele den Blick nicht ab von dem, was im Moment zu viel ist. Sie vergisst kein Detail des überwältigenden Ereignisses. Daher scheint die Seele (im Unterschied zum Körper) nach der überstandenen Bedrohung zu wissen, dass wir noch da sind, nunmehr sicher und geborgen. Die Seele kennt keine Zeit. Für sie ist alles, was da war, immer da. Die Seele will offenbar, dass das Ereignis, welches das Trauma ausgelöst hat, so dazugehören darf, wie es tatsächlich war. Sie will in diesem Sinne vollständig und ganz werden. Die Seele scheint unerbittlich darauf zu drängen, dass man hinsieht, hinfühlt, hinspürt, damit sie ganz werden und diese Erfahrung samt dem Überlebthaben enthalten darf.

Im Sinne eines solchen Ganzwerdens drängt Seele nach meinem Eindruck auf Heilung, und zwar umso heftiger, je länger das belastende Ereignis her ist. Sie nutzt dabei die Fähigkeit unserer Körper zur Symptombildung in somatischen und psychischen Erscheinungsformen. Die Mitglieder nachfolgender Generationen nimmt sie davon nicht aus. Auch in ihren Symptombildungen verfolgt sie den Drang nach Ganzheit. Die Seele führt uns immer wieder in Situationen, die dem damaligen Ereignis ähneln, bis wir begreifen, dass die Bedrohung vorbei ist. Unsere Symptome sind Zeichen beginnender Heilung. Ob sie gelingt, ist immer offen.

Literaturangaben finden Sie am Ende des dritten Teils.

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