Berufliche Aufstellungen – wenn Wissen und Strategie einfach nicht greifen
Was berufliche Aufstellungen sichtbar machen können, und warum Kündigen selten die Antwort ist
„Ich weiß nicht weiter.“
Mit diesem Satz rief mich eine Unternehmerin aus den Niederlanden an. Sie war anfang sechzig, sie führte gemeinsam mit ihrem Bruder und einer Cousine ein Familienunternehmen mit mehreren hundert Beschäftigten, gegründet von ihrem Vater. Nach einer Pause kam der zweite Satz: „Ich überlege aufzuhören. Aber dabei blutet mir das Herz.“
Hinter ihr lagen Jahre voller Streit im gemeinsamen Büro. Sie schlief schlecht und war mehr als einmal knapp an einem Burnout vorbeigeschrammt. Die Ideen für neue Produkte lagen fertig in ihrer Schublade, umsetzen ließ sich davon nichts. Die Firma verlor Jahr für Jahr den Anschluss an ihre Mitbewerber.
Sie hatte alles versucht, was man vernünftigerweise versucht. Eine Mediation. Eine neue Aufteilung der Verantwortungsbereiche. Lange Gespräche mit dem Vater. Jedes Mal scheiterte es an demselben Punkt: Die Cousine hielt sich an keine Vereinbarung.
Vielleicht kennen Sie eine solche Lage. Vielleicht nicht in einem Familienunternehmen, sondern in einem Team, einer Klinik oder einer Beratungsstelle. Sie sind kompetent, Sie wissen, was zu tun wäre. Und trotzdem bewegt sich nichts.
Wenn Vernunft an ihre Grenze kommt
Die meisten beruflichen Konflikte lösen sich mit Vernunft, und das ist gut so. Manchmal fehlt tatsächlich Wissen, manchmal eine Strategie oder eine klare Absprache. Das lässt sich alles nachholen.
Es gibt aber Situationen, in denen alles Vernünftige getan ist und nichts greift. Absprachen werden gebrochen, Grenzen verschwimmen wieder, die Erschöpfung wächst. An diesem Punkt denken viele Menschen an den einzigen Ausweg, den sie sich noch vorstellen können: gehen. Aufhören, sich versetzen lassen, kündigen.
In meiner Arbeit sehe ich das immer wieder. Und ich sehe fast ebenso oft, dass das Gehen allein wenig ändert. Was einen Menschen in der alten Stelle gequält hat, nimmt er in die neue mit. Mein Eindruck nach vielen Jahren lautet:
>> Wenn Wissen und Strategie nicht greifen, fehlt oft die innere Erlaubnis. <<
Was die berufliche Aufstellung zeigte
In der Aufstellung der Unternehmerin wurde sichtbar, was in keiner Mediation zur Sprache gekommen war: Der Großvater hatte vor Jahrzehnten verhindert, dass die Schwester des Firmengründers, die Mutter der Cousine, sich als Mitgründerin einbringen konnte. Dieses Unrecht war nie ausgesprochen und nie gewürdigt worden. Die Cousine trug den Groll ihrer Mutter in der Geschäftsführung weiter, ohne es zu wissen, völlig unbewusst. Sie hatte, wie sich zeigte, gar kein Interesse daran, dass die Firma gelingt. Eine zweite Linie kam hinzu. Die Geschwister waren auf sehr unterschiedliche Weise an ihren Vater gebunden: die Unternehmerin selbst war weltoffen und hungrig nach Neuem, ihr Bruder dagegen vorsichtig und auf das Bewährte bedacht. Beide hielten dem Vater auf ihre jeweilige Art die Treue, beide empfanden einander als Gegner.
Wichtig: Die Cousine handelte nicht aus Bosheit. Sie stand für eine alte Geschichte, die nach Würdigung verlangte.
Was danach geschah
Die Aufstellung selbst hatte in der Firma nichts verändert. Das könnte die Unternehmerin dann selbst tun: Zuerst sprach sie mit ihrem Bruder unter vier Augen. Sie würdigte sein Beharren auf dem Bewährten und beschrieb ihre eigene Lust auf Neues – nicht als Gegnerschaft, sondern als die andere Seite derselben Medaille. Der Bruder dachte nach, entspannte sich, und die beiden verteilten ihre Aufgaben neu. Dann lud sie ihre Cousine zu einem Spaziergang an einen nahen See ein und fragte sie ganz direkt, wie es ihr in der Firma gehe. Die Cousine antwortete ehrlich: Sie wolle eigentlich weg, aber sie komme nicht los. Sie sprachen über die alte Fehde der Elterngeneration und über ihre eigene Rolle darin. Am Ende bot die Unternehmerin an, ihr die Unternehmensanteile zu einem fairen Preis abzukaufen. Die Cousine schlug ein.
Zwei Jahre später sagt sie mir: „Es macht wieder Freude. Wir haben neue Produkte am Start. Es geht aufwärts.“
Bemerkenswert finde ich die Umkehrung. Sie wollte gehen, weil sie sich keinen Rat mehr wusste. Gegangen ist dann die Cousine, und die wollte selbst schon lange fort. Zwei Menschen saßen in einer Lage fest, aus der einer von ihnen hinausgehörte. Damit die Cousine gehen konnte, brauchten sie beide keine bessere Vereinbarung, sondern Respekt vor ihrer Geschichte.
Eine alte Fähigkeit, keine Schwäche
Sätze wie „Ich weiß nicht weiter“ oder „Ich komme nicht los“ haben für nichts mit persönlichem Versagen zu tun. Sie zeigen weder einen Mangel an Durchsetzungskraft noch irgendeinen Ausbildungsrückstand. Ich höre sie vielmehr als Ausdruck einer Dynamik, die einmal notwendig war. Viele Menschen, die zu mir kommen, haben früh lernen müssen, alles zusammenzuhalten, sich anzupassen, das Unmögliche auszuhalten und die eigenen Grenzen zu übergehen. Sie taten das aus gutem Grund: um weiter dazuzugehören und damit am Leben zu bleiben. Diese Fähigkeit hat lange dazu beigetragen, wie eine Rettungs-Routine. Heute überfordert sie uns, weil sich die Lage verändert hat.
Ich sage: Ihnen fehlt nichts. Was Sie festhält, hat Sie einmal gerettet. Es will Respekt, bevor es sich verändern kann. Erst wenn die alte Loyalität gesehen und gewürdigt ist, kann sich etwas innerlich wenden. Dann antwortet ein Mensch auf eine Herausforderung nicht mehr aus dem „Damals“, sondern aus dem „Jetzt“, nicht mehr aus der alten Rolle, sondern vom eigenen Platz aus.
Auch wer begleitet, ist nicht ausgenommen
Das gilt für Menschen, die führen, und ebenso für Menschen, die andere begleiten: Ein Gefängnisseelsorger, Anfang fünfzig und seit vielen Jahren im Vollzug tätig, kam zu mir mit dem Satz: „Neulich dachte ich, ich muss sterben.“ Ein Mann, den er während der Haft begleitet hatte, war ihm nach der Entlassung bis nach Hause gefolgt. Seitdem schlief er schlecht, schreckte bei jedem Klingeln auf und dachte daran, seinen Dienst aufzugeben.
In unserer gemeinsamen Arbeit zeigte sich, dass dieser frühere Gefangene eine sehr alte Angst in ihm geweckt hatte. Als Kind war der Seelsorger oft allein zu Hause gewesen. Ältere Nachbarskinder hatten ihn immer wieder bedrängt, belagert und verprügelt, und kein Erwachsener hatte ihn geschützt. Der entlassene Gefangene stand plötzlich an genau der Stelle, an der damals die Bedrohung gestanden hatte. In der gemeinsamen Arbeit mit mehreren Einzel-Aufstellungen schauten wir diese Angst an, langsam, Schritt für Schritt. Sie beruhigte sich.
Etwa ein Jahr später klingelte es an seiner Haustür. Davor stand der frühere Gefangene. Der erste Gedanke meines Klienten war: „Oh Gott, schon wieder!“ Sein Satz, den er dann herausbrachte, lautete: „Guten Tag. Was wünschen Sie?“ Der frühere Gefangene sah ihn irritiert an, ging fort und kam nie wieder. Warum er einfach davonging, weiß niemand. Was jedoch der Seelsorger dabei erlebte, hat er mir erzählt: „Ich war überrascht. Und kurz wütend auf ihn. Und dann erleichtert.“
Die Gefahr durch den Stalker war nicht verschwunden, aber seine eigene alte Ohnmacht hatte sich gewandelt. Er konnte in seinem Seelsorgedienst bleiben, auch mit Freude. Seitdem achtet er jedoch immer darauf, dass der Raum, die Umstände und der Zeitpunkt seiner Sicherheit entgegenkommen. Er muss nicht mehr immer und überall ansprechbar sein – und er ist innerlich nicht mehr das Kind, das allein zu Hause wartet und hofft, dass niemand von den brutalen Nachbarsjungs kommt.
Bleiben oder gehen
Berufliche Aufstellungen beantworten nicht die Frage, ob Sie bleiben oder gehen sollen. Sie zeigen jedoch, von welchem inneren Ort aus Sie diese Entscheidung treffen. Aus Ihrer alten Rolle heraus wird das Gehen zur Flucht und das Bleiben zum Aushalten. Vom eigenen, gegenwärtigen Platz aus kann beides eine klare Entscheidung sein.
Manchmal bedeutet das, jemanden zu enttäuschen: einen Kollegen, eine Klientin, einen Teil der eigenen Familie. Das gehört zu den schwersten Dingen für Menschen, die gewohnt sind, alles zusammenzuhalten. Es ist aber nicht dasselbe wie Verrat. Es ist der notwendige Schritt in eine eigenes Leben.
Die Unternehmerin hat ihren Satz gefunden. Am Anfang sagte sie: „Ich weiß nicht weiter.“ Zwei Jahre später sagt sie: „Ich weiß, was ich erreichen will, und das geht auch.“
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