Was Symbiose ist – und woher sie kommt
Serie: Symbiose – Womit wir unbewusst zusammenleben · Teil 1 von 4
Als junger Mann geriet ich einmal vor mehreren tausend Menschen innerlich in einen undurchdringlichen Nebel. Ich wusste nicht mehr, wer ich bin und was ich da tue – mitten in einem Universitätskonzil nach der Friedlichen Revolution, das ich eigentlich zu leiten hatte. Zwanzig Jahre später geschah dasselbe noch einmal, in meiner ersten eigenen Aufstellung. Solche Aussetzer fühlen sich oft an wie persönliches Versagen. Sie sind es aber nicht. Sie zeigen, dass wir mit etwas zusammenleben, das wir nicht selbst sind — ohne das Geringste davon zu ahnen.
Der Nebel
Meine erste Arbeit als Aufsteller im Angesicht der Ausbildungsgruppe ging für fünf Minuten ganz gut. Dann konnte ich nicht weiter. Blackout – dieselbe Leere im Kopf wie zwanzig Jahre zuvor im Auditorium Maximum. Besser kann man sich nicht blamieren. Die Ausbilderin wartete geduldig, bis ich mich wieder äußern konnte: „Ich glaube, ich brauche Hilfe.“ Sie brachte die Aufstellung mit wenigen Interventionen in Bewegung, und ich setzte mich ganz benommen. Später signalisierte sie mir, dass so etwas völlig in Ordnung sei. Mit ihrer Gelassenheit hat sie vermutlich dazu beigetragen, dass ich es überhaupt für möglich hielt, in dieser Arbeit selbst tätig zu werden. Wieder hatte mein Körper die Gefahr, wirklich gesehen zu werden, als so gravierend eingeschlätzt, dass er mich zur Sicherheit in den Nebel schickte, in die Dissoziation.
Im Laufe der vielen tausend Aufstellungen, die ich seither begleiten durfte, begann ich etwas zu sehen, das ich zunächst überhaupt nicht einordnen konnte: Menschen halten sich selbst unbewusst für diejenigen, unter denen sie früher zu leiden hatten, etwa als Kind unter ihren Eltern. Ein Beispiel: Jemand steht als Klient seinem Stellvertreter für die eignene Kindheit gegenüber. Der Stellvertreter in der Rolle des damaligen Kindes reagiert auf ihn, als wäre der Klient gar nicht der erwachsene Mensch von heute, sondern der gewalttätiger Vater von damals. Er reagierte darüber hinaus so, als wäre dieser Vater noch immer so gefährlich. Ähnliches passierte immer wieder.
Ich konnte mir das nicht erklären, bis mir irgendwann das Wort „Symbiose“ durch den Kopf ging.
„Symbiose“ – was heißt das eigentlich?
Symbiose bedeutet: Ich lebe mit etwas zusammen, das ich nicht selbst bin – ohne von diesem Zusammenleben die geringste Ahnung zu haben. Für das Ungeborene im Mutterleib ist dies der natürlichste Zustand der Welt: „Ich lebe mit einer Frau zusammen, die nicht ich selbst ist, und ich weiß nichts davon, weil ich es nicht anders kenne.“ Das haben wir alle so erlebt. Diese Frau wird dann unsere Mutter erkennbar, sobald wir irgendwann nach der Geburt beginnen, sie als ein Gegenüber wahrzunehmen. So kommen wir ins Dasein.
Ich fragte mich: Wie kann es sein, dass der ursprüngliche Vorgang des symbiotischen Zusammenlebens auch außerhalb des Mutterleibs immer wieder aufs Neue geschieht? Meine Vermutung: Symbiose entsteht immer dann, wenn etwas Lebens-Entscheidendes geschieht. Die erste solche Situation, der wir ausgesetzt waren, ist zweifellos unsere Zeugung, die Empfängnis. Vorher war unser Leben noch nicht da. Mit der Empfängnis ist es da, sind wir da. Etwas Entscheidenderes gibt es zunächst nicht.
Es scheint nun so zu sein, dass alles, was in der Umgebung dieser lebensentscheidenden Situation da ist, in die Symbiose mit hineingerät. Bei der Empfängnis wären das: der phyische Ort der Empfängnis – der Leib der Mutter, dann die Sprache, die Gegend – das Land, die Stadt, das Dorf –, die elterlichen Familien samt ihren Lebensgeschichten. Wenn sich diese Symbiose später im Leben in ein Gefühl übersetzt, nennen wir sie „Heimat“. Alles, was da ist, fällt im Moment der Empfängnis in diese grundlegende Symbiose mit hinein.
In meinem Fall heißt das: Ich als Hallenser lebe bis heute mit dem ursprünglichen Eindruck „Halle“ zusammen. Ich lebe bis heute mit dem ursprünglichen Eindruck „Mama“ zusammen, in der konkreten Gestalt von Dagmar Luise Geßner, geborene Gottschling, Jahrgang 1938 – ebenso wie mit dem ursprünglichen Eindruck „Papa“, in der konkreten Gestalt von Horst Alexander Geßner, Jahrgang 1935. Das lässt sich nicht löschen.
Die ursprüngliche Symbiose bedeutet offenbar: „Ich bin eins damit. Ich weiß nichts davon.“ Ich wusste bei meiner Empfängnis nicht, dass ich in eine evangelische Pfarrersfamilie hineingeraten war. Kein Kind weiß im Moment seiner Entstehung, ob es in eine Familie der Amish-People in den U.S.A., der Samen in Lappland, eines afrikanischen Stammes oder eines sächsischen Lehrer-Ehepaares hinein empfangen wurde. So aber scheint es zu sein: Man lebt von da an mit allem zusammen, was diese Familie geprägt hat.
Noch etwas: Mein Leben habe ich ja nicht gemacht, ich habe es empfangen. Genauer: Ich bin durch die Verschmelzung zweier Leben, des Lebens meines Vaters und meiner Mutter, überhaupt erst ins Leben gekommen. Man kann kaum sagen, dass man das Leben empfangen hat – man ist ein weitergegebenes Leben. Woher kommt nun diese offensichtlich unabweisbare Tendenz des Lebens, sich mit lebensentscheidenden Umständen, Menschen und Dingen zu verbinden?
Rettung oder Bedrohung: das Skalpell und das brennende Dresden
Zwei weitere Beispiele, um zu zeigen, wie radikal dieses Phänomen wirkt.
Einmal begleitete ich eine Aufstellung mit einer Frau, die per Kaiserschnitt zur Welt gekommen war. Die Aufstellung „klemmte“ zunächst. Es fehlte etwas – in seiner Qualität so ähnlich wie ein vor der Geburt verstorbener Zwilling. Aus einer Eingebung heraus stellte ich das Skalpell hinzu, das damals den Kaiserschnitt vollzogen hatte. Damit begann die Aufstellung zu fließen. Diese Frau war offenbar seit dem Moment ihrer Geburt symbiotisch mit dem einschneidenden Erlebnis „Skalpell“ verbunden. Denn dieses Skalpell hatte sie gerettet, und ihre Mutter ebenso. Das lebensentscheidende Ereignis kann also eine Rettung sein – oder eine als vernichtend erlebte Bedrohung:
In Dresden habe ich mit Menschen gearbeitet, deren Großeltern als Jugendliche im Februar 1945 aus einigen Kilometern Entfernung gesehen hatten, wie Dresden bombardiert wurde und verbrannte. Eine Frau, eine dieser Kriegsenenkelinnen, hatte mit Entzündungen, Flammen und Hitze zu tun, ihr ganzes Leben lang. In ihrer Aufstellung kam eine Stellvertretung für das Feuer hinzu, in dem Dresden damals verbrannt war. Es zeigte sich, dass die Großmutter dieser Frau sich damals als Vierzehnjährige innerlich mit dem Feuersturm verbunden hatte. Sie lebte seitdem symbiotisch mit dem Erleben „Feuer“ zusammen, ohne es zu ahnen. Auch hier entwickelte sich die Aufstellung in ähnlicher Weise wie bei Menschen, die sich aus der Symbiose mit einem vor der Geburt verstorbenen Zwilling lösen. Nur war es kein Zwilling – es war das Erleben des brennenden Dresdens von 1945.
Wenn also unser Leben die unabweisbare Tendenz hat, sich mit Ereignissen, Menschen, Umständen oder Gegenständen zu verbinden, die es als lebensentscheidend wahrnimmt – und wenn wir fortan damit leben müssen, ohne etwas davon zu ahnen, wie etwa der Klient vom Anfang mit seinem gewalttätigen Vater: Wozu soll das gut sein?
Für mich zeigte sich hier etwas Neues. Es könnte dabei helfen, unsere Überlebens-Chancen radikal erhöhen. Davon handelt der zweite Teil: >> Weiterlesen, 2. Teil<<




