Was von den Vorfahren noch in uns lebendig ist

Serie: Symbiose – Womit wir unbewusst zusammenleben · Teil 3 von 4

Ein Mann wird so wütend, dass er Angst hat, seine eigene Familie zu verletzen — obwohl er sie über alles liebt. Die Wut, die ihn quält, ist nicht seine eigene. Sie kam mit ihm zusammen zur Welt und stammt aus dem Leben seines Vaters: Wie wir Erfahrungen von Großeltern und Eltern schon im Mutterleib aufnehmen — und wie wir aufhören können, mit einem fremden Lebensgefühl zusammenzuleben.

Das Leben der Großeltern damals und unser Leben heute

Im zweiten Teil ging es um die primäre Symbiose der eigenen Geburt – ein Mechanismus, der offenbar so alt ist wie das Menschsein selbst. Doch die Geburt ist nicht die einzige Quelle. Die primären Symbiosen, welche wir im Mutterleib eingehen, umfassen nach meinem Eindruck nicht nur das Verhältnis zur Mutter. Sie umfassen auch, was Mutter, Vater und ihr Ort in der Welt an Entscheidendem in sich tragen – also deren eigene innere Landschaften. Anders ist kaum zu verstehen, warum Menschen heute, mehr als achtzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, wieder wie im Krieg fühlen. Nicht, weil im Fernsehen davon berichtet wird, sondern weil ihr Körper sich so verhält, als säßen sie selbst im Bombenkeller. Nur haben damals nicht sie selbst dort gesessen, sondern ihre Großeltern.

Der Ort, an dem wir die symbiotischen Phänomene früherer Generationen übernehmen, scheint der Mutterleib zu sein. Das Motiv dazu kommt aus der Evolution: Es erhöht unsere Überlebenschancen deutlich, wenn wir die Bedrohungen früherer Generationen verkörpern und damit reflexartig in ähnlichen Situationen genau so überleben können, wie es unseren Großeltern damals gelungen war.

Die sekundäre Symbiose entsteht dabei nur, wenn in der Gegenwart ein Umstand eintritt, der dem von damals ähnelt. Wenn ich in die Schule komme, mich verliebe, mich für einen Beruf entscheide, den Wohnort wechsle – immer wenn es um etwas Neues geht, aktivieren diese Umstände das erneute Zusammenleben mit der primären Symbiose, nun in ihrer sekundären Gestalt. Ich lebe dann als erwachsener Mensch wieder mit der Erfahrung von damals zusammen, ohne es zu bemerken. Auch die Traumaforschung beschreibt heute, wie stark belastende Erfahrungen über Generationen hinweg im Körper weiterwirken, selbst wenn niemand mehr aktiv davon erzählt – eine physiologische Beschreibung, die neben die existenzielle tritt, ohne sie zu ersetzen.

 

Die Wut des Vaters

Ich denke an einen Mann, der oft so wütend wurde, dass er Angst hatte, seine Frau oder seine Kinder zu verletzen. Er hatte schon erwogen, sich von ihnen zu trennen – einfach, um sie nicht in einem Wutanfall zu schädigen. Dabei liebte er sie sehr. Ich fragte ein wenig nach den Ereignissen in seiner Geschichte und in der seiner Familie. Ich frage das nie, um die Tatsachen zu erfahren, sondern um zu sehen und zu hören, womit ein Mensch innerlich zusammenlebt. Nicht, woran er vielleicht krank ist – das wäre eine andere Frage –, sondern: Womit lebt jemand vollkommen unbewusst in seinem Inneren? Womit ist er symbiotisch verbunden?

Der Vater dieses Mannes war kurz nach der Zeugung seines Sohnes in der damaligen DDR zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden, in einem politischen Schauprozess. Er verbrachte diese Jahre als junger Mann zwischen zwanzig und fünfundzwanzig, juristisch unschuldig, unter Schwerverbrechern wie damals für Regimekritiker üblich. Sein Sohn wurde in dieser Zeit ausgetragen, geboren, kam in den Kindergarten – und saß nun als erwachsener Mann in meiner Praxis. Seine Aufstellung zeigte, dass diese Wut, die ihn und seine Familie quälte, die Wut seines Vaters war. Das Leben in dem ungeborenen Jungen hatte sich damals mit dem Leben seines Vaters verbunden – über die Wut. Diese ursprüngliche Bedingtheit ließ sich nicht ändern. Er konnte heute aber sehen, wo seine Wut ihren Ort hatte, ihren Sitz im Leben, und wie er mit seinem Vater sein konnte, indem er mit diesem als lebensentscheidend erlebten Abschnitt und den dazugehörigen Gefühlen – eben der Wut – symbiotisch zusammenlebte.

 

Sehen – und was die Seele erlaubt

Als er das sehen konnte, schüttelte es ihn noch einmal gewaltig. Die geballte Überlebensenergie in der Gestalt der Wut löste sich auf diese Weise aus seinem Leibe – die Verkörperung wurde weicher, durchlässiger. Damit konnte er aufhören, weiterhin mit der alten Wut seines Vaters zusammenzuleben. „Sehen“ heißt hier: etwas mit Leib und Seele aufnehmen. Wir hören auf, uns dagegen zu wehren, und lassen es in unser Herz. So wird die Symbiose sichtbar – indem ich sie sehe und zugleich fühle und das, was ist, zu mir kommen lasse. Wenn ich dabei meine tatsächliche Distanz zum damaligen Geschehen wahrnehme, kann sie anfangen, aufzuhören. Die Wut war ja ein Retter für das Kind gewesen, weil sie eine lebendige Verbindung zum Vater hinter den Gefängnismauern stiftete. Wird diese Distanz spürbar, muss der alte Retter von damals ihn heute nicht mehr retten.

Solche Entspannungsprozesse kann man jedoch nicht „machen“. Denn eine Verkörperung, eine Symbiose, löst sich nur, wenn die Seele es erlaubt. Wann das der Fall ist, weiß niemand. Es kann ein Jahr nach dem Eintreten der primären Symbiose sein, es kann auch fünf Generationen dauern. Man kann ein wenig dafür tun, indem man sich klarmacht, dass man jetzt sicher ist – im Fall des Mannes: dass der Vater schließlich heimkam und all dies schon fünfzig Jahre her ist. Aber ob die Seele es erlaubt? Sie ist zu nichts verpflichtet.

Was mich an dieser Geschichte bis heute bewegt, ist, wie wenig sie mit Schuld zu tun hat. Der Vater hat seinem Sohn keine Wut vererbt, wie man etwa eine Krankheit vererben würde. Der Sohn hat sich auch nichts eingehandelt, was er hätte vermeiden können. Beide haben, jeder auf seine Weise, mit dem gelebt, was lebensentscheidend war – der eine im Zuchthaus, der andere im Mutterleib. Erst das Sehen macht aus einer stummen Übernahme eine bewusste Beziehung.

Was geschieht, wenn wir nicht mehr auf das einzelne Leben schauen, sondern auf ganze Völker, wenn sie auf dieselbe eben beschrieben Weise mit dem verbunden bleiben, was ihre Großeltern erlebt hatten – davon handelt der vierte und letzte Teil: >> Weiterlesen, 4. Teil <<