Wozu manche Menschen sich in Gruppen unsichtbar fühlen
Seitenblick 1 – aus der Reihe: Symbiose – Womit wir unbewusst zusammenleben
Ich kenne Menschen, die in jeder meiner Gruppen am Rande sitzen. Sie sagen etwas, und es wird nicht aufgegriffen. Sie verlassen den Raum, und niemand bemerkt es. Der innere Reflex heißt dann oft: Ich bin zu leise, zu langweilig, zu wenig. Nach meinem Eindruck hat das mit der gegenwärtigen Gruppe jedoch erstaunlich wenig zu tun.
Womit wir zusammenleben, ohne es zu wissen
Wenn eine Gruppe zusammenkommt, gibt es immer Menschen, die sich wie Alphatiere bewegen. Dann gibt es die eher Zurückhaltenden. Dann Untergruppen, die in den Pausen zusammensitzen und ähnlich empfinden. Dann die Außenseiter, die sich nicht zugehörig fühlen. Schließlich Menschen, die gar nicht dazugehören wollen, sondern lieber kommen und gehen, wie ihnen gerade ist. Jede einzelne dieser Möglichkeiten, sich selbst und eine Gruppe zu erleben, ist perfekt. Sie alle haben fast immer ihren Ursprung darin, welche Rolle wir in der Familie hatten, in der wir aufgewachsen sind. Sie ist die erste Gruppe, die wir jemals erlebt haben.
Dieses überaus seltsame Phänomen – wir erleben Gruppen heute so ähnlich wie unsere allererste, die Herkunftsfamilie – ist nach meinem Eindruck eine Wirkung von Symbiose: dem inneren Zusammenleben mit etwas, das ich nicht selbst bin – ohne von diesem Zusammenleben die geringste Ahnung zu haben. Sie entsteht, wenn etwas Lebensentscheidendes geschieht, wenn ich zum ersten Mal den Eindruck habe: Jetzt geht es um Sein oder Nichtsein. Alles, was in diesem entscheidenden Moment da ist, gerät mit in die Symbiose hinein und bleibt. In Gruppen geht es dabei um die primäre Symbiose mit einem Gefühl, wie sie tausendfach während der Kindheit entsteht.
Nach dem BMFSFJ-Einsamkeitsbarometer und dem DIW-Wochenbericht 2025 fühlen sich in Deutschland so viele Menschen einsam wie seit Jahren nicht – oft mitten unter anderen, auf Feiern, in Teams, in Vereinen. Die Gruppe selbst ist meistens nicht das Problem. Das Problem ist ein Gefühl, das viel älter ist als jede aktuelle Gruppe.
Das Kind, das sich tot stellt
Ein Beispiel: Ich kenne Menschen, die als Kinder nicht wahrgenommen wurden. Manchmal geschieht das, wenn in der Geschwisterreihe vor ihnen Kinder gestorben waren. Dann sind die Eltern innerlich oft so sehr bei ihren toten Kindern, dass sie das lebendige Kind einfach nicht mitbekommen. Das lebende Kind versucht dann, wie ein totes Kind zu sein, um irgendwie ins Blickfeld der Eltern zu gelangen, die ja innerlich auf tote Kinder schauen. Das ist keine Marotte, sondern eine kluge Lösung: Das Kind geht dorthin, wo die Aufmerksamkeit der Eltern tatsächlich ist.
Bei Menschen, die als Erwachsene mit dem Nicht-wahrgenommen-Werden kämpfen, ist mir das oft begegnet. Der Kampf dauerte so lange, bis die alte kindliche Strategie des Sich-tot-Stellens gesehen werden durft. Bis fühlten sie sich in allen Gruppen „nicht gesehen“ und wurden sehr oft auch tatsächlich nicht wahrgenommen. Das ist die unangenehme Seite: Solange die alte Überlebensstrategie unbewusst aktiv ist, erzeugt sie genau das, worunter man leidet. Die tröstliche Seite: Es ist kein Charakterfehler. Es ist etwas, das einmal funktioniert hat.
Solche Verbindungen lösen sich nicht dadurch, dass man sich vornimmt, künftig präsenter aufzutreten. Sie lösen sich, indem man sie sieht – mit Leib und Seele – sie aufnimmt, aufhört, sich dagegen zu wehren, und sie in sein Herz lässt. Wann das geschieht, entscheidet man nicht selbst. Aber es geschieht. Wenn es geschieht, muss die alte Lösung von damals uns heute nicht mehr retten. Wir dürfen uns selber sehen und die anderen auch.




