Primär und sekundär – wie Symbiose uns am Leben hält

Serie: Symbiose – Womit wir unbewusst zusammenleben · Teil 2 von 4

Warum lässt sich etwa ein schlechtes Gewissen, für das es keinerlei realen Anlass gibt, nicht wegtherapieren? Eine Antwort könnte in der eigenen Geburt liegen — eine weitere in einem Mechanismus, der uns seit den ersten gemeinsamen Großwildjagden der Frühmenschen zu Wesen macht, die von sich sagen können: Ich bin da.

Die Geburt als Gebrauchsanweisung

Im ersten Teil blieb eine Frage offen: Wenn unser Leben die unabweisbare Tendenz hat, sich mit lebensentscheidenden Ereignissen zu verbinden – wozu soll das gut sein? Meine Antwort: Es könnte unsere Überlebenschancen radikal erhöhen.

In der Körperpsychotherapie ist seit langem bekannt, dass sich das Ereignis der Geburt – so, wie es körperlich stattgefunden hat – im weiteren Leben immer wieder von selbst inszeniert: dann, wenn ein Mensch in etwas Neues gehen muss. Ich erinnere mich an die Aufstellung einer Frau, die per Becken-Endlage zur Welt gekommen war. Wilfried Nelles sagte zu ihr: „Schau, du machst es noch immer so: Du gehst mit dem Hintern voran in das Neue.“ Bei manchen Menschen legt sich während der Geburt die Nabelschnur ein- oder zweimal um den Hals. Gegen Ende geht es dann oft weder vorwärts noch rückwärts. Der Druck der Presswehen – hinaus ins Leben – bedeutet für sie gleichzeitig: „Das hier könnte mich umbringen.“ Ich bin darauf gestoßen bei Menschen, die sich nur schwer entscheiden konnten. Bei ihren Aufstellungen landeten wir oft bei der Geburt, mit der Nachricht: „Ich hatte die Nabelschnur um den Hals.“

Meine eigene Geburt im Jahr 1964 ist lange her. Wenn ich in etwas Neues gehe, bin ich noch immer zunächst lange vorsichtig, und dann geht es plötzlich sehr schnell. Als kleiner Junge hörte ich, meine Geburt habe quälend lange gedauert und sei sehr schmerzhaft gewesen. Ich bekam dabei jedes Mal ein schlechtes Gewissen. Ich war mir keiner Schuld bewusst und hatte trotzdem eines. Bei mir wurde daraus ein innerer Habitus, der mich bis heute begleitet, wenn ich in etwas Neues gehe. Das Muster ist so zuverlässig, dass ich es inzwischen fast als Vorwarnung nutzen kann: Wenn das schlechte Gewissen sich meldet, weiß ich, dass gerade etwas wirklich Neues beginnt.

 

Primär und sekundär

Ich habe mit mir selbst fast alles versucht, was man therapeutisch gegen ein wildgwordenes schlechtes Gewissen unternehmen kann. Es verwand davon nicht. Inzwischen nenne ich dieses Phänomen die „Primäre Symbiose“. Sie betrifft unser „Damals“. Sie entsteht, wenn sich mein Leben mit etwas anderem verbindet, weil eine konkrete Situation zum allerersten Mal den Eindruck erweckt: „Jetzt geht es um Sein oder Nichtsein.“ Diesen Vorgang kann man nicht direkt wahrnehmen; er vollzieht sich sozusagen hinter unserem Rücken – als Verkörperung. Diese primäre Symbiose bleibt. Sie lässt sich mit keiner Therapie auflösen – sei es eine noch so gute Aufstellung, eine Hypnosesitzung oder was auch immer.

Wie kann es nun sein, dass etwas, das mich 1964 geprägt hat, noch heute so aktiv ist? Dieses zweite Phänomen nenne ich „Sekundäre Symbiose“. Sie betrifft unser „Jetzt“. Sie bestimmt, wie wir heute noch mit einem symbiotischen Geschehen von damals zusammenleben, ohne das wahrzunehmen. Man sieht es an der Anfangsszene aus dem ersten Teil: Die Stellvertreter erkennen den erwachsenen Menschen von heute gar nicht, sondern halten ihn für den damals prügelnden Vater. Anders als die primäre kann sich die sekundäre Symbiose tatsächlich auflösen – das scheint der Vorgang zu sein, mit dem wir bei Aufstellungen, in Therapien und in Beratungen etwas ausrichten. Sie löst sich auf, indem wir sie sehen. Sie kann nur existieren, solange sie unbewusst ist.

Die Symbiose wird alles tun, um unbewusst zu bleiben – denn sie dient, wie gesagt, unserem Überleben. Man sieht das an jedem ungeborenen Kind im Mutterleib: Solange es dort bleiben kann, ist es seines Lebens sicher; ein „Draußen“ gibt es aus seiner Innenperspektive nicht. „Draußen sein“ wäre gleichbedeutend mit absoluter Lebensgefahr. Es scheint zum Wesen der Symbiose zu gehören, dass sie bleiben will, um uns zu retten. Wenn ich also bei meiner Geburt die Erfahrung gemacht habe: „So ging das vonstatten“, und meiner Umgebung tat es weh, dann ist mein schlechtes Gewissen die Art, wie ich mit dieser Erfahrung in etwas Neues komme. Als Gesamtpaket hat es 1964 funktioniert – und wird aus der damaligen Perspektive mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder funktionieren.

 

Woher das „Ich bin da“ kommt

Das ist eine Leistung, die nach meinem Eindruck Bewusstsein voraussetzt – vielleicht ist sie sogar an der Entstehung von Bewusstsein beteiligt. Ich denke dabei an Wolfgang Giegerichs Aufsatz „Gewalt aus der Seele“. Darin schreibt er über die Ursprünge jener Wahrnehmung „Ich bin da“, die uns zu Menschen macht – im Unterschied zu Tieren, die das vermutlich nicht in dieser Entschiedenheit von sich wahrnehmen. Giegerich nimmt an, diese Selbstwahrnehmung komme aus dem Trauma des gemeinschaftlichen Tötens. Sein Bild dafür ist die kollektive Großwildjagd der Frühmenschen, bei der Wildpferde oder Büffel über steile Klippen getrieben werden und umkommen.

Die Frühmenschen erlebten, wie ihre Beutetiere sterben, und machten die gemeinsame Erfahrung: „Diese Tiere sind tot, wir haben sie sterben sehen, und wir waren es, die sie töteten. Dann schauen wir uns an und bemerken: Wir sind noch lebendig.“ Die Katze, die eine Maus fängt und das Blut schmeckt – weiß sie, dass sie gerade getötet hat? Die Frühmenschen aber, die eine ganze Herde Beutetiere in die Schlucht getrieben hatten, scheinen irgendwann ein Wissen entwickelt zu haben, zunächst als pure Wahrnehmung: „Diese Tiere sind tot, wir selbst jedoch nicht. Wir sind es, die das getan haben: Wir sind da.“

Damit ist die primäre Symbiose kein Einzelschicksal, sondern etwas, das vielleicht so alt ist wie das Menschsein selbst – ein Mechanismus, der uns von Anfang an begleitet und der sich nicht nur über die eigene Geburt, sondern auch über die Generationen vor uns in unser Leben einprägt. Das gilt nicht nur für Wildpferde und Schluchten, Berge, Sonne und Wasser in unserer Frühzeit, sondern auch für alles, was etwa eine Familie und ihrer Umgebung als lebensentscheidend erlebt hat, lange bevor wir selbst geboren wurden.

Was es konkret bedeuten kann, wenn die lebensentscheidende Erfahrung nicht die eigene, sondern etwa die der Großeltern ist, davon handelt der dritte Teil: >> Weiterlesen, 3. Teil <<