Vom Einzelnen zum Kollektiv – warum eine Fremdheit weiterlebt
Serie: Symbiose – Womit wir unbewusst zusammenleben · Teil 4 von 4
Laut dem R+V-Angstindex „Die Ängste der Deutschen“ war Sorge der Deutschen vor einer Spaltung der Gesellschaft 2025 so stark wie lange nicht. Meine Beobachtung dazu: Ost und West streiten selten wirklich über aktuelle Konflikte. Sie leben häufig vielmehr unbewusst in zwei unbewussten Verbindungen, die nach 1945 entstanden sind — die einen mit dem damaligen sowjetischen System, die anderen mit dem damaligen amerikanischen. Dafür kann niemand etwas. Warum politische „Umerziehung“ hier nichts ausrichtet, und was vielleicht doch hilft.
Ein geteiltes Land, zwei Symbiosen
In den ersten drei Teilen dieser Serie ging es um einzelne Menschen – um die eigene Geburt, um das, was von Eltern und von Großeltern kommt. Dasselbe Prinzip gilt auch für ganze Völker: Symbiose entsteht, wenn es um lebensentscheidende Ereignisse geht und wir den Eindruck haben, von dem, was gerade geschieht, hänge unser ‚Sein oder Nichtsein‘ ab.
Ein solches Phänomen fällt mir im Verhältnis von Ost- und Westdeutschen auf. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Deutschland in Besatzungszonen geteilt – im Kontext der totalen Niederlage, dem Wissen der Überlebenden „Wir Deutschen hatten das begonnen“ und keiner einzigen Familie hierzulande, die nicht auf der Täter- oder Opferseite oder auf beiden zugleich betroffen war. Fortan gab es Menschen und Systeme, die für ihre Besatzungszone das absolute Sagen hatten und über Leben und Tod entschieden. In der sowjetischen Besatzungszone bedeutete das: Etwa die Hälfte der vorhandenen Industrie wurde abgebaut und in die Sowjetunion gebracht, dazu gab es wesentlich höhere Reparationsleistungen als in den anderen Zonen.
Wer politisch als einigermaßen zuverlässig erschien, wurde in die Sowjetunion geholt, geprüft und geschult, um dann das sowjetische Herrschaftssystem hier umzusetzen. Es entstand eine wasserdichte Vasallendiktatur, wie in allen Staaten des ehemaligen „Ostblocks“. Das führte die damalige ostdeutsche Bevölkerung in eine unvermeidliche, unbewusste primäre Symbiose mit dem sowjetischen System und der mit 300.000 Mann stationierten Roten Armee – eigentlich in eine Vertiefung der vorangegangenen Symbiose mit der Nazidiktatur, nun in Gestalt des „Antifaschismus“, der „Diktatur der Arbeiter und Bauern“ und der „unverbrüchlichen Freundschaft mit der Sowjetunion“.
In den westlichen Besatzungszonen vollzog sich dasselbe Phänomen, nur mit völlig anderen Erfahrungen und unter entgegengesetzten Vorzeichen. Die Menschen dort erlebten keine Deindustrialisierung, sondern: Jazzmusik und Schokolade, ‚Entnazifiezierung‘, Marshallplan und die Rosinenbomber über West-Berlin. Auch das führte in eine primäre Symbiose mit den machtausübenden Systemen, samt Sprache, Kultur und Weltsicht. Auch hier sehe ich eine Vertiefung der vorangegangenen Symbiose mit der Nazidiktatur, nun in Gestalt des undurchdringlichen Be-Schweigens, des sog. Wirtschaftswunders und der studentischen Aufbruchs Ende der 60er Jahre.
Warum die Fremdheit bleibt
Die symbiotischen Verbindungen von damals sind in ihrer sekundären Gestalt bis heute aktiv und stehen sich fremd bis feindselig gegenüber – analog zu ihren verfeindeten Ankern in Gestalt der untergegangenen Sowjetunion und dem modernen Westen.
Eine Symbiose wird nicht aufhören, unbewusst weiterzuwirken, aus Sicherheitsgründen. Sie nimmt einen in die Pflicht. Von daher wundert es mich nicht, wenn die kollektive Anspannung zwischen Ost und West nach all den gemeinsamen Jahrzehnten seit dem Mauerfall oft noch anhält oder sich sogar verstärkt. Dafür können wir nichts. Es ist wie in dysfunktionalen Patchworkfamilien, in denen alle sich bekriegen, weil jedes Halb- und Stiefgeschwister innerlich symbiotisch mit jemandem aus einem anderen, früher relevanten Familiensystem verbunden ist und ihm treu bleibt, ohne sich das ausgesucht zu haben und ohne es direkt ändern zu können.
Ich kenne Menschen, die nach wie vor Angst vor „dem Russen“ haben – nicht, weil sie je von russischen Frauen und Männern schlecht behandelt worden wären, sondern weil sie noch immer in Symbiose leben: mit der Angst vor dem Kommunismus aus dem amerikanischen System heraus. Ebenso kenne ich Menschen, die gebetsmühlenartig all das wiederholen und bestätigen, was wir im Staatsbürgerkundeunterricht der DDR über den bösen Kapitalismus gelernt hatten: im äußeren Leben sind sie jedoch höchst erfolgreiche Unternehmer und Multimillionäre. Beides ineinander zu leben, ist offenbar möglich.
Geht man mit diesen Menschen ganz konkret in das Symbiotische von damals hinein, kann es ziemlich heiß werden, weil plötzlich die Kämpfe von damals mit den Mitteln von heute ausgetragen werden. Dann steht da einer, der dem sowjetischen System verpflichtet ist, und dort einer, der dem amerikanischen verpflichtet ist. Wenn die symbiotisch verinnerlichten Herschaftssysteme von damals sich angegriffen fühlen, halten sie sich heute reflexartig die verbalen Atomraketen ins Gesicht. Mir scheint das überall und immer wieder vorzukommen.
Kein Rezept, aber vielleicht Zeit
Ich habe kein Rezept dagegen. Ich zeige nur, was in diesen Vorgängen lebt und wie unausweichlich es sich aus symbiotischen Sicherheitsgründen immer weiter fortsetzt. Symbiose lässt sich nicht umerziehen. Alle politischen Großversuche zeigen dassselbe: Sie geht nicht weg, wenn man sie loslassen oder loswerden will. Mit meinen persönlichen Themen bin ich hunderte von Runden gelaufen und immer wieder in dasselbe Loch gefallen – bis es eines Tages möglich wurde, einmal nicht dort entlangzugehen, sondern die Straßenseite zu wechseln.
Eine Gesellschaft besteht aus Millionen solcher Einzelleben. Darum halte ich es für illusorisch, die Fremdheit zwischen Ost und West kollektiv auflösen zu wollen. Was oft weiterhilft, ist bewusst erlebte Zeit – im Sinne von: „Ich verrate niemanden, wenn ich meine damaligen symbiotischen Zugehörigkeiten wahrnehme und mich dennoch weiterbewege. Ich empfinde es nicht mehr als so gefährlich wie damals.“
Was in der Begegnung von Einzelnen manchmal möglich ist: die eigene Symbiose sehen und wahrnehmen, wie sie sich dadurch auflöst, lässt sich nicht einfach auf ein ganzes Land übertragen. Aber jedes Gespräch, in dem jemand seinen alten Standpunkt im damaligen Kontext einfach nur wahrzunehmen beginnt, statt ihn zu verteidigen oder zu verstecken, verändert wenigstens diese eine Beziehung. Es macht sie gegenwärtiger, offener und damit realer.
Fazit
Ob im Einzelnen oder im Kollektiven: In unserem unbewussten inneren Erleben geht es nicht um das, was tatsächlich war oder gerade jetzt ist. Es geht um das, womit wir symbiotisch – unbewusst – zusammenleben: ein Ereignis, eine Person, ein Gegenstand, ein Gefühl, eine Idee – sie alle führen uns innerlich einen Film von damals vor und verkaufen ihn als echte Gegenwart. So lange, bis wir das sehen können, und damit der innere Film der realen Gegenwart Platz machen darf.
Wie sich dasselbe im ganz Kleinen zeigen kann, in jeder Gruppe, in der wir sitzen, steht in einem eigenen Text: >> Warum sich manche Menschen in Gruppen unsichtbar fühlen. <<
Was diese innere Erzählung für die Psyche bedeutet – und damit für das Verhältnis von Innen und Außen –, das ist eine eigene Geschichte. Sie führt in die Fortsetzung dieser Reihe: „Innen und Außen – der innere Film zu dem, was geschieht.“ Der erste Teil davon erscheint Anfang September.
Zum Anfang dieser Serie: >> Teil 1: Was Symbiose ist und woher sie kommt <<



