Flüchtlinge und Einheimische. Das Menschliche und das Fremde

Flüchtlinge und Einheimische

Neulich habe ich mit einer Frau aus einem nahöstlichen Kriegsgebiet gearbeitet. Es dauerte ein wenig, bis sie Vertrauen fasste. Dann erzählte sie die Geschichte ihrer zehntägigen Flucht nach Deutschland, gemeinsam mit ihren Kleinkindern. „Zuhause ist alles kaputt. Kein Haus steht mehr.“ Sie zeigte verschiedene Trauma-Symptome, und sie war fest entschlossen, für ihre Kinder und mit ihnen gemeinsam hier weiterzuleben. Sie sprach bereits Deutsch, und sie hoffte auf spätere Rückkehr nach Hause.

Auch im Nachgang zu dieser Begegnung veröffentliche ich den folgenden Beitrag als psychologische Kontemplation zu aktuellen seelischen Bewegungen in Menschen und Menschengruppen, wie auch sonst in meinem Blog. Natürlich können ökonomische, soziologische, juristische, religiöse oder politische Assoziationen beim Lesen angeregt werden, vermutlich lässt sich das nicht umgehen.

Zuerst: ich spreche hier nicht über Menschen, die zu uns kommen, weil sie hier eine aussichtsreichere oder lohnendere Arbeit, Bildung, Gesundheitsversorgung oder was auch immer erstrebenswerteres vorzufinden hoffen, als sie es von ihrem vorherigen Lebensort kannten. Ich spreche über Menschen, die an ihrem vorherigen Lebensort in Lebensgefahr waren und sich auf den Weg machten, dieser zu entgehen.

Weiter: wenn ich über „die Flüchtlinge“ spreche, muss ich auch über uns sprechen. „Wir“, das sind die Leute, die schon da wohnen, wo geflohene Menschen sich sicher genug fühlen, um erst einmal zu bleiben. Erst durch unseren Blick auf sie – und gleichermaßen durch ihren Blick auf uns – entsteht das Phänomen „Einheimische und Flüchtlinge“, welches mich hier interessiert.

Wären „wir“ nicht schon hier, würden die Flüchtlinge, also die offensichtlich vor Krieg, Verfolgung, Armut oder anderen unterträglichen Umständen geflohenen Menschen, möglicherweise trotzdem hier Halt machen, weil ihnen vielleicht die Gegend und das Klima günstig vorkommen. Unsere Gegend in Mitteleuropa wäre vielleicht die Endstation auf ihrer Wanderung, vielleicht auch nicht. Es gäbe jedoch nicht den Status von „Flüchtlingen“, sondern vielleicht von „Davongekommenen“, „Überlebenden“, „Ausgewanderten“, „Siedlern“ oder auch „Angekommenen“.

Wären wir Einheimischen nicht schon hier, wäre unsere Gegend vermutlich nur wenig sicherer als die Gegend, wo die fliehenden Menschen vor Monaten aufgebrochen sind. Es gäbe keine Infrastruktur, keine medizinische Versorgung, kein Dach über dem Kopf, keine sichernde Gesetzes- und Polizeimacht, keine Bildung, keine Arbeit, keine mitfühlenden Helfer und Helferinnen. Es wäre Wildwest in Europa. Nun, es ist wie es ist: wir sind schon da, und die Flüchtlinge kommen dazu. Was ist los mit ihnen? Und was ist los mit uns?

Ich sehe zwei einfache Dinge: 1. Flüchtlinge sind Menschen. Das kann man sehen, sie gehen aufrecht auf zwei Beinen, sie fühlen, sie denken und sprechen. 2. Flüchtlinge sind Fremde. Sie fühlen, sie denken und sprechen anders als wir. Das sieht man meistens auch. Schauen wir, was diese kleine Unterscheidung von „Menschen, also Wesen wie wir“, und „Fremde, also anders als wir“, vielleicht öffnet, klärt und verständlich macht.

Flüchtlinge sind Menschen
So wie wir wurden sie alle von einer Frau geboren. Sie haben Eltern und Großeltern, oft auch Geschwister, Ehepartner, Kinder und Enkel. Sie essen, sie schlafen, sie weinen, sie streiten sich, sie haben Heimweh. Sie sind freundlich oder wütend, redlich oder kriminell, so wie wir. Fast immer haben sie jemanden verloren, oft auch viele – Angehörige, Freunde, Kollegen. Ihre physische Heimat, ihr irdisches Zuhause, haben sie alle verloren.

Sie haben eine Geschichte, genau wie wir. Meistens ist diese Geschichte so voller Schrecken, dass sie nicht einfach erzählt werden kann. Würde ihre Geschichte weniger Schrecken enthalten, hätten sie nicht das Ungewisse ihrem Zuhause vorgezogen. Der Antrieb für Flüchtlingsbewegungen ist unerträglicher Schrecken, verbunden mit der Idee, dass es anderwo vielleicht weniger schrecklich ist. Einen anderen zureichenden Grund, sich von zuhause fort auf eine potentiell lebensgefährliche Reise in eine unvorstellbare Fremde zu begeben, gibt es nicht. Die Flüchtlingsbewegung ist eine Rettungsbewegung. Sie entsteht unmittelbar aus unserem menschlichen Überlebenstrieb. Den Überlebenstrieb kann niemand unterdrücken.

Flüchtlinge sind Fremde
Sie haben oft eine andere Hautfarbe als wir. Sie sprechen anders, nicht nur in uns meist unbekannten Sprachen, sie setzen Sprache auch anders ein als wir. Sie haben andere Gewohnheiten, ob in ihren Familien, ob unter Freunden, ob bei der Arbeit. Sie essen häufig andere Dinge als wir und das zu anderen Tageszeiten. Sie beten zu anderen Göttern. Sie haben andere Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist, was gut ist und was schlecht, was man darf und was nicht. Sie haben andere Wünsche als wir, andere Ängste, Freuden und Macken. Sie halten andere Dinge für wichtig, als wir es tun.

Die meisten Flüchtlinge sind innerlich mit Dingen beschäftigt, die die Mehrheit von uns Einheimischen längst hinter sich gelassen zu haben glaubt: Krieg, Tod, Bedrohung, Verwundung, Vergewaltigung, Folter, Vertreibung und Zerstörung. Religöse, wirtschaftliche und ethnische Unterdrückung gehört ebenfalls zu den Schrecken, die sie mit sich herumtragen, wenn sie es geschafft haben, den physischen Ort dieser Bedrohungen zu verlassen. Jetzt sind sie da. Was nun?

Der Schrecken, außen und innen
Sie bringen Erfahrungen mit, wie sie unsere Vorfahren vor drei Generationen im Zweiten Weltkrieg und danach gemacht haben. Sie betreffen in unserer Gegend jede Familie. Vor drei Generationen gab es zwölf Millionen deutsche Vertriebene und Flüchtlinge. Viele von ihnen fühlen sich auch siebzig Jahre später noch als Fremde an den einheimischen Orten, wo sie jetzt leben. Erst jetzt, über siebzig Jahre danach, beginnen einheimische Menschen die Wirkung kollektiver traumatischer Überlebensmechanismen in ihrem eigenen Leben wahrzunehmen. Sie beginnen, davon zu erzählen und sich über das formale Funktionieren bzw. das Überspielen hinaus damit zu befassen.

In der Aufstellungsarbeit zeigt sich, wie der Schrecken von damals von folgenden Generationen in kindlich-abhängiger Liebe übernommen wird, um überhaupt bei den verstörten Eltern bleiben zu können und innerlich Kontakt zu ihnen zu finden. Wir sehen oft, wie wir in dieser unbewussten Loyalität noch heute den Schrecken von damals in uns lebendig halten, wie er unser Lebensgefühl, unsere Symptobildungen und unsere Entscheidungen beeinflusst. Der Schrecken von damals wird uns in der äußeren Welt von heute immer wieder begegnen, so lange, bis wir es wagen, ihn in uns offen anzuschauen. So hilft uns die äußere Welt, innerlich zu uns selbst zu kommen, auch im kollektiven Sinne.

Im Moment sind es offenbar die Flüchtlinge, welche uns im Außen den Schrecken bringen, den wir Einheimischen innerlich noch unter Verschluss halten. Sie bringen uns die Erfahrungen unserer Groß- und Urgroßeltern vor die Haustür, ob als Opfer oder Täter oder beides. Sie könnten uns damit einen unschätzbaren Dienst erweisen: sie zeigen uns unser Inneres. Sie tragen es zu uns. Das ist eine große Herausforderung, gegen die die aktuellen verwaltungstechnischen und finanziellen Herausforderungen recht einfach zu lösen scheinen. Und: das können nur Fremde für uns tun. Einheimische sind zu nah, wir sind immer mit drin in unseren kollektiven Abwehr- und Schutzmechanismen.

Die zwei Formen der Abwehr
Wer von uns Einheimischen sich noch nicht in der Lage sieht, in Gestalt der Flüchtlinge dem Echo des Schreckens von damals in die Augen zu sehen und dabei zu fühlen, dass jetzt Frieden, Sicherheit und relativer Wohlstand unser Leben bestimmen, der muss die Schrecken abwehren, welche mit den Fremden zu uns kommen.

Dafür gibt es zwei Wege: entweder man sieht nur „das Fremde“ an den Fremden, also dass sie anders sind als wir. Dann muss man sich Sorgen machen und die eigene „kulturelle Identität“ als nunmehr bedrohten Schutzschild gegen den eigenen Schrecken benutzen. Man wird im Fall der größten Angst die Flüchtlinge physisch bekämpfen. Oder man sieht nur „das Menschliche“ an ihnen, also dass sie genau solche sind wie wir. Dann muss man ihnen helfen, alles Schwierige abnehmen, sich selbst dabei furchtbar überanstrengen, sie zu integrieren versuchen und am liebsten irgendwann ganz zu Einheimischen machen.

Im ersten Fall ist man so vom „dem Fremden“ hypnotisiert, dass man das Menschliche an ihnen nicht sehen kann. Im zweiten Fall hypnotisiert einen „das Menschliche“ an ihnen derart, dass man ihre Fremdheit ebensowenig wahrnimmt wie die höchstwahrscheinliche Aussicht, dass Flüchtlinge über mehrere Generationen hinweg Fremde bleiben werden. In beiden Fällen sieht man sie nicht als das, was sie sind: fremde Menschen, die sich vor dem Schrecken hierher gerettet haben. In beiden Fällen nimmt man ihnen etwas von ihrer Würde, und sich selber auch. Es scheint nicht einfach zu sein, das Menschliche und das Fremde in ihnen gleichzeitig zu sehen und beides gleich zu würdigen. Es setzt voraus, dass man sich selber sieht und erkennt, wer man ist. Und es kann gleichzeit diesen inneren Vorgang der Bewusstwerdung in Gang bringen.

Anschauen was ist
Man kann den Flüchtlingen ihr Fremdsein nicht abnehmen, sondern man muss es ihnen zumuten und auch lassen. Sie werden keine Deutschen werden, sondern etwa Afghaninnen, Syrer, Marokkanerinnen oder Libyer bleiben. Man kann auch sich selber das Einheimischsein nicht abnehmen, sondern muss es sich zumuten. Einheimische haben bei sich zuhause die Verantwortung für das Wie des Zusammenlebens, sowohl miteinander als auch mit ihren Gästen, in diesem Falle mit ihren Flüchtlingen. Wir müssen diese Verantwortung wahrnehmen, denn darin besteht hierzulande unser Zuhausesein. „Integration“ bleibt ein (Alp)-Traum, solange man diese Grunddynamiken ignoriert. Sie kann zu einem neuen Gemeinwesen führen, wenn wir beginnen uns selber zu sehen und damit aufhören, “das Fremde” und “das Menschliche“ gegeneinander auszuspielen.

Fortsetzung folgt.


5 Kommentare

  1. Angelika Schenk

    Lieber Thomas Gessner,
    danke für den zum Nach-sinnen anregenden Text… Ich lasse ihn wirken, habe nicht schnelle Ant-WORT(E). Jedoch sehe/spüre ich mich innerlich in den Begegnungen mit Flüchtlingen in der zurückliegenden Zeit. Ich horche der mich vor dem Fremden zurückziehenden/mich schützen wollenden Seite nach. Und weiß auch um die neugierige und sich aufschließende/dem Fremden öffnende Seite in mir. Deine Worte des letzten Abschnittes ANSCHAUEN WAS IST bewirken Entlastung und Entkrampfung. Mögen Möglichkeiten für Begegnung von Fremden und Einheimischen auf Augenhöhe wachsen.

  2. Lieber Thomas,
    Flüchtlingsbiografien als Spiegel unserer eigenen tradierten Trauma – Geschichten zu verstehen und als therapeutischen Impuls zu deren Aufarbeitung zu nutzen, ist ein spannender und zugleich sehr herausfordernder Ansatz. Dieser Anspruch geht weit über “alltägliche” zwischenmenschliche Begegnungsmuster hinaus. Ich war vor zwei Stunden mit einem jungen Flüchtling aus dem Iran wandern und wir haben uns gut unterhalten, auch über seine Familie und den Alltag im Iran. In meinem Bewußtseinshintergrund stand dabei sehr der “menschliche” Aspekt – das Wahrnehmen von Lebensgemeinsamkeiten aber auch von großen Unterschieden – ohne diese zu bewerten. Nach deinem Konzept würde eine zweite Reflexionsebenen bedeuten, in der Fluchtgeschichte des Iraners Spuren meiner eigenen “Fluchtgeschichten”, d.h. meiner biografischen Brüche / meiner Familiengeschichte und die damit verbundenen Traumaerfahrungen zu reflektieren und zu bearbeiten. Der Rahmen eines “normalen” wechselseitigen wertungsfreien biografischen Erzählers auf Augenhöhe zwischen Einheimischen und Flüchtlingen scheint mir dafür nicht auszureichen. Welche konkreten Ideen hast du, um einen solchen Prozess zu initiieren und zu unterstützen?
    Mit lieben Grüßen
    Henning Olschowsky

  3. Angelika Schenk

    Lieber Thomas, lieber Henning Olschowsky,
    heute am Morgen kamen mir Worte, die ich gleich hier zitieren will. Genau dieses buchstäblich begriffgewordenes Begreifen ließ mich nach Monaten wieder einmal Deinen Text, Thomas, und Ihren Kommentar, Henning Olschowsky, lesen. Heute am Morgen kam mir: ” Ja – die Vergangenheit ist groß. Und sie sucht sich einen Bühne, wenn ich ihr nicht in mir sicher und geborgen ihren Vergangenheitsplatz gegeben habe …”.
    Danke für den Raum, dies zu teilen.
    Herzlich
    Angelika Schenk

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